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Über den Oschatzer Zigarrenmacher August Stephan, der führendes SPD-Mitglied in Oschatz war, berichtete DER RUNDBLICK gleich zweimal: Im Jahr 1956 unter der Überschrift „Ein Sohn des Volkes“ und 1979 unter „Stätten der Arbeiterbewegung“. Gerajd Polster stellte die „Rundblicke“ und die Fotokarte (rechts) zur Verfügung.


 

Ein Sohn des Volkes

Vor 100 Jahren, am 7. Februar 1855, wurde in Breslau der Organisator der sozialistischen Arbeiterbewegung Im Kreise Oschatz, August Stephan, geboren. Der Vater war Tischler, der von früh 5 bis abends 7 Uhr arbeitete und trotzdem seine Familie, die viele Köpfe zählte nur spärlich ernähren konnte. Schmalhans war Küchenmeister. Die Mutter starb kurz nach Augusts Geburt. Die Kinder mussten sich selbst helfen. Kartoffeln waren die Hauptnahrung. Sogar das Brot fehlte oft. Kaum schulpflichtig geworden, mussten die Kinder zum Unterhalt der Familie beitragen. August ging zu einem Zigarrenmacher als Abripper. Er hatte täglich sein Pensum fertigzumachen, und oft wurde es sehr spät, ehe er abends nach Hause kam. 5 Groschen, das war sein Lohn, den er wöchentlich bekam. Nach der Schulentlassung blieb er noch 3 Jahre als Lehrling bei seinem Meister und wurde dann entlassen. August musste auf die Wanderschaft gehen. Sein Ziel war Berlin. Doch auch dort gab es für ihn keine Arbeit. In Hamburg hatte er etwas mehr Glück. Nach langem Suchen fand er eine Arbeitsstelle, wo er 2 Taler Wochenlohn bekam. Im Betrieb waren noch 5 Arbeiter beschäftigt, und es wurde dort viel über die neue Lehre des Sozialismus debattiert. August horchte auf. Keine Arbeiterversammlung versäumte er, und am nächsten Tage wurde dann mit den Kollegen darüber diskutiert. So lernte August Stephan die Lehre vom Sozialismus kennen, und er war begeistert davon. Nach ein paar Monaten war er jedoch wieder arbeitslos. Er ging zu Fuß nach Magdeburg und von da nach Leipzig. Da es auch in diesen beiden Städten für ihn keine Arbeit gab, wollte er in Dresden sein Glück versuchen. Bis dahin kam er jedoch nicht. In Oschatz hatte er eine Beschäftigung gefunden. Hier warb er für seine Idee und sammelte Gleichgesinnte um sich. 1883 heiratete er. Kurz danach warf man den ,,Wühler" wieder auf die Straße. Kurz entschlossen holte er sich einen Gewerbeschein und machte mit seiner jungen Frau, die er als. Wickelmacherin anlernte, auf eigene Rechnung Zigarren, die er an Bekannte und Gastwirte verkaufte. Man wollte den ,,Sozi" in Oschatz los sein und trieb ihn aus seiner Wohnung. Um nicht von Oschatz fortzumüssen kaufte er mit Hilfe einiger Leipziger Genossen das Grundstück Badergasse 19.
 Schlimm war es unter dem Sozialistengesetz (18?8-890).Die Genossen konnten sich nur an entlegenen Orten in Steinbrüchen, Sandgruben usw. treffen, um sich zu beraten und Beschlüsse zu fassen. Dort wurden auch die illegalen Zeitungen und Flugblätter ausgegeben, die dann hinter Fensterläden und unter Haustüren geschoben wurden. Das musste mit größter Vorsicht geschehen, schwere Gefängnisstrafen oder Ausweisungen drohten. denn gar. Das Zigarrengeschäft August Stephans ging schlecht, denn die Arbeiter fürchteten, als Sozialdemokraten angesehen und dann von ihren Arbeitgebern entlassen zu werden. So lebte August immer in Not. Doch das ertrug er mutig. Er gründete den Arbeitergesangverein, den Radfahrerklub, die Freien Turner und war eifrig bestrebt, die Parteiarbeit zu fördern. August Stephan starb so arm, wie er nach Oschatz gekommen war. Er starb, 74 Jahre a1t, am 26. März 1929. Tausende folgten seinem von der roten Fahne bedeckten Sarge. Die Freien Turner trugen ihn am Karfreitag zu Grabe. Der Reichstagsabgeordnete unseres Wahlkreises Richard Lipinski hielt dem tapferen Kämpfer den Nachruf. Unter den Klängen des Pfeilschen Liedes: ,,Ein Sohn des Volkes wollt er sein und bleiben" senkte man den Sarg in die Gruft. 1945 setzten ihm die Genossen einen Gedenkstein und brachten an seinem Grundstück eine Gedenktafel zur Erinnerung an den treuen Kämpfer und Streiter an.
Wilhelm Bruchhard

Stätten der Arbeiterbewegung
August Stephan 1855 - 1929


Auch in Oschatz begann sich in der Mitte des vorigen Jahrhunderts die kapitalistische Produktionsweise durchzusetzen. Für die Produktion von Waagen, Filzen, Hausschuhen u. a. entstanden kapitalistische Betriebe. . Damit
begann auch die Herausbildung des Proletariats in Oschatz. Nach der Formierung als Klasse ergab sich die zwingende Notwendigkeit, sich zu, organisieren. Während das in den großen Städten bereits um die Mitte des 19. Jahrhunderts erfolgte, war es in Oschatz infolge der objektiven Bedingungen erst im letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts möglich.  Die Organisierung des Proletariats in Oschatz ist eng mit dem Namen August Stephan in Oschatz ist eng mit dem Namen August Stephan verbunden, der um 1875 nach Oschatz kam und hier zum entscheidenden   Organisator und damit zum  Begründer der Sozialdemokratie wurde..
August Stephan wurde am 7.2.1855 in Breslau geboren. Schon im Kindesalter lernte er die damalige Not und das Elend des


Medaillon am Grabstein auf dem Oschatzer Friedhof,
August Stephan und seine Frau

Proletariats kennen, Als Schulkind arbeitete er bei einem Zigarrenmacher, um einige zusätzliche Pfennige für die Familie zu verdienen. Noch seiner Schulentlassung blieb er bei dem Zigarrenmacher als Lehrling. ln diese Zeit fällt die Gründung der ersten marxistischen Partei in Deutschland - der 1869 in Eisenach von Wilhelm Liebknecht und August Bebel geschaffenen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei.
Nach Beendigung seiner Lehrzeit musste sich August Stephan auf die Wanderschaft begeben, um neue Arbeit zu finden. Sein Weg führte über Berlin noch Hamburg. Hier bekam er nicht nur Arbeit, sondern besuchte auch Arbeiterversammlungen, denn Hamburg war mit ein Zentrum des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins. Uber Magdeburg kam er dann nach Leipzig. In Leipzig war der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein ebenfalls tätig, aber auch die revolutionäre Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Wir wissen nicht, welcher Richtung sich August Stephan anschloss 1875 vereinigten sich beide Organisationen auf dem Vereinigungsparteitag in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei Deutschlands. In diesem Jahr muss August Stephan Mitglied der Partei geworden sein.
Nach seinem Aufenthalt in Leipzig wollte Stephan dann nach Dresden. Aber in Oschatz fand er neue Arbeit und blieb hier, Wegen seiner politischen Agitation verlor er jedoch sehr bald wieder seine Arbeitsstelle als Zigarrenmacher. Er mochte sich selbständig und verkaufte seine Zigarren im Hausierhandel. So konnte er sich der Agitation noch besser widmen und neue Genossen werben. Allmählich entstanden die Anfänge einer Partei in Oschatz. 1878 wurde durch das Sozialistengesetz zunächst jede weitere legale Arbeit lahmgelegt. Doch auch in Oschatz wurde bald illegal gearbeitet. August Stephan vertrieb in dieser Zeit das Kampforgan „Der Sozialdemokrat" der illegal wirkenden Partei. Auch Flugblätter und Parteibroschüren setzte er bei seinem Zigarrenhandel mit ab. 1883 heiratete er. In Oschatz war er bald als "Roter" und "Sozi" bekannt, und man versuchte, ihn aus Oschatz abzuschieben. Das. Wohnungsproblem war für die Familie Stephan immer mit großen Schwierigkeiten verbunden. Oft wurde ihr die Wohnung wieder gekündigt. So wohnte die Familie Stephan zunächst in der Strehlaer Straße, danach in der Webergasse, in der Lutherstraße und in der heutigen August-Bebel-Straße. In Oschatz gab es einen Verein der Hausbesitzer, der natürlich nicht für die ,,Sozis" war, Noch Kündigung einer Wohnung war die Suche nach einer neuen Wohnung oft ein Problem, denn die Hausbesitzer informierten sich gegenseitig". Ach, du lieber
Gott, das ist ja der rote Stephan ..Passt auf, dass ihr ihn nicht reinkriegt!" Hinzu kam, dass die Familie Stephan immer in Not war, denn ihr Zigarrenhandel ging schlecht.
Kurz vor der Aufhebung des Sozialistengesetzes, am 4.10.1889, sprach in einer Wählerversammlung im großen Rathaussaal August Bebel zu 400 Oschatzer Arbeitern. Nach der Versammlung traten 180 von ihnen der Partei bei, deren genaues Gründungsdatum nicht mehr feststellbar ist. Wenig später, am 26.11.1889, gründeten die Genossen in Oschatz einen Wahlverein der SPD, dessen Vorsitzender ebenfalls August Stephan wurde. Die Beteiligung an den Wahlen war eine der legalen Möglichkeiten des Kampfes der Arbeiter gegen das Sozialistengesetz.
Nach Aufhebung dieses Gesetzes konnten die Genossen der SPD auch in Oschatz wieder legal arbeiten, hatten sie doch in ganz Deutschland einen großen Erfolg im Kampf gegen den preußisch-deutschen Militärstaat errungen. August Stephan übernahm ab 1890 auch noch den Vertrieb der Wurzener Zeitung, der Parteizeitung für den 11. Wahlkreis. Um ihn wegen seiner regen Parteitätigkeit nicht immer der Gnade der Hausbesitzer auszuliefern, ermöglichte ihm die Solidarität von Leipziger Genossen den Ankauf eines Grundstückes in der Badergasse 19, Im ersten noch vorhandenen Protokoll vom 1.5.l893 ist vermerkt, dass August Stephan als 1 .Vorsitzender der Partei wiedergewählt wurde. In der nächsten Zeit fanden eine ganze Reihe von Mitgliederversammlungen in der Wohnung des Genossen Stephan statt, da weder der Rat der Stadt den Rathaussaal zur Verfügung stellte noch die Oschatzer Gastwirte auf Betreiben des Rates der Stadt ihre Lokale den ,,Sozis" als Versammlungslokale weiter überließen. So war die Parteiarbeit selbst nach der Aufhebung des Sozialistengesetzes in Oschatz nicht einfach. Um diesen Schikanen  zu entgehen, gründeten die Oschatzer Genossen einen Arbeiter- Gesangverein, einen Turnverein und später einen Arbeiterradverein, in denen Stephan ebenfalls maßgeblich mitbeteiligt war. Aus dem einzigen noch vorhandenen Protokollbuch der SPD geht hervor, dass August Stephan in einer Mitgliederversammlung 1899  einen Vortrag von  Wilhelm Liebknecht ,Die Sozialdemokratie und ihre Gegner" zur Verlesung  brachte. Es muss jedoch angenommen werden, dass August Stephan die neuen Kampfaufgaben des Proletariats nach der Herausbildung des Imperialismus kaum erkannt haben dürfte.  Mit Beginn des 20. Jahrhunderts, machte sich der Opportunismus in der SPD immer mehr breit, und auch in Oschatz werden seine Auswirkungen Spuren hinterlassen haben. Dos beweist deutlich eine Eingabe der Oschatzer SPD an den Stadtrat vom 8.4.1917, in der es heißt, dass die Partei in Oschatz zur Feier des 1. Moi keine Kundgebung durchführen wolle, um die Kriegsindustrie nicht zu schädigen. Man bat um Genehmigung für die Durchführung eines gemütlichen Beisammenseins mit humoristischen Vorträgen! Dies in einer Zeit, als die deutschen Imperialisten und Junker für ihre Profite Millionen von Soldaten auf den Schlachtfeldern verbluten ließen. Dos war Burgfriedenspolitik der SPD auch in Oschatz.
August Stephans Tätigkeit ist dann auch in der Novemberrevolution 1918 in Oschatz nicht feststellbar. Erwiesen ist aber ein Übertritt von vielen Mitgliedern der SPD zur USPD und der revolutionären Kräfte der Oschatzer Arbeiter zu der im Oktober 1919 auch in Oschatz gegründeten KPD. August Stephan starb am 28. März 1929. Mit der roten Fahne und unter großer Anteilnahme wurde er zu Grabe getragen. August Stephans großes Verdienst ist und bleibt es, in Oschatz die Arbeiterpartei begründet zu haben und damit ein Vorkämpfer für die Sache des Proletariats gewesen zu sein. Die größte Sporthalle in Oschatz in der Dresdener Straße trägt heute seinen Namen,
SIEGFRIED HEIDLER

 
     
   

 

 


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