Ein Sohn des Volkes
Vor 100 Jahren, am 7. Februar 1855, wurde in
Breslau der Organisator der sozialistischen Arbeiterbewegung Im
Kreise Oschatz, August Stephan, geboren. Der Vater war Tischler, der von
früh 5 bis abends 7 Uhr arbeitete und trotzdem seine Familie, die viele
Köpfe zählte nur spärlich ernähren konnte. Schmalhans war Küchenmeister.
Die Mutter starb kurz nach Augusts Geburt. Die Kinder mussten sich selbst
helfen. Kartoffeln waren die Hauptnahrung. Sogar das Brot fehlte oft.
Kaum schulpflichtig geworden, mussten die Kinder zum Unterhalt der
Familie beitragen. August ging zu einem Zigarrenmacher als Abripper. Er
hatte täglich sein Pensum fertigzumachen, und oft wurde es sehr
spät, ehe er abends nach Hause kam. 5 Groschen, das war sein Lohn, den
er wöchentlich bekam. Nach der Schulentlassung blieb er noch 3 Jahre
als Lehrling bei seinem Meister und wurde dann entlassen. August musste
auf die Wanderschaft gehen. Sein Ziel war Berlin. Doch auch dort gab
es für ihn keine Arbeit. In Hamburg hatte er etwas mehr Glück. Nach
langem Suchen fand er eine Arbeitsstelle, wo er 2 Taler Wochenlohn
bekam. Im Betrieb waren noch 5 Arbeiter beschäftigt, und es wurde dort
viel über die neue Lehre des Sozialismus debattiert. August horchte
auf. Keine Arbeiterversammlung versäumte er, und am nächsten Tage wurde
dann mit den Kollegen darüber diskutiert. So lernte August Stephan die Lehre vom Sozialismus kennen, und er war
begeistert davon. Nach ein
paar Monaten war er jedoch wieder arbeitslos. Er ging zu Fuß nach
Magdeburg und von da nach Leipzig. Da es auch in diesen beiden
Städten für ihn keine Arbeit gab, wollte er in Dresden sein Glück
versuchen. Bis dahin kam er jedoch nicht. In Oschatz hatte er eine
Beschäftigung gefunden. Hier warb er für seine Idee und sammelte
Gleichgesinnte um sich. 1883 heiratete er. Kurz danach warf man den
,,Wühler" wieder auf die Straße. Kurz entschlossen holte er sich einen
Gewerbeschein und machte mit seiner jungen Frau, die er als.
Wickelmacherin anlernte, auf eigene Rechnung Zigarren, die er an
Bekannte und Gastwirte verkaufte. Man wollte den ,,Sozi" in Oschatz
los sein und trieb ihn aus seiner Wohnung. Um nicht von Oschatz
fortzumüssen kaufte er mit Hilfe einiger Leipziger Genossen das
Grundstück Badergasse 19. Schlimm war es unter dem Sozialistengesetz
(18?8-890).Die Genossen konnten sich nur an entlegenen Orten in
Steinbrüchen, Sandgruben usw. treffen, um sich zu beraten und Beschlüsse
zu fassen. Dort wurden auch die illegalen Zeitungen und Flugblätter
ausgegeben, die dann hinter Fensterläden und unter Haustüren
geschoben wurden. Das musste mit größter Vorsicht geschehen, schwere
Gefängnisstrafen oder Ausweisungen drohten. denn gar. Das
Zigarrengeschäft August Stephans ging schlecht, denn die Arbeiter
fürchteten, als Sozialdemokraten angesehen und dann von ihren
Arbeitgebern entlassen zu werden. So lebte August immer in Not. Doch
das ertrug er mutig. Er gründete den Arbeitergesangverein, den
Radfahrerklub, die Freien Turner und war eifrig bestrebt, die
Parteiarbeit zu fördern. August Stephan starb so arm, wie er nach
Oschatz gekommen war. Er starb, 74 Jahre a1t, am 26. März 1929.
Tausende folgten seinem von der roten Fahne bedeckten Sarge. Die Freien
Turner trugen ihn am Karfreitag zu Grabe. Der Reichstagsabgeordnete unseres Wahlkreises Richard Lipinski hielt dem tapferen Kämpfer den
Nachruf. Unter den Klängen des Pfeilschen Liedes: ,,Ein Sohn des Volkes
wollt er sein und bleiben" senkte man den Sarg in die Gruft. 1945
setzten ihm die Genossen einen Gedenkstein und brachten an seinem
Grundstück eine Gedenktafel zur Erinnerung an den treuen Kämpfer und
Streiter an. Wilhelm Bruchhard
Stätten der Arbeiterbewegung August
Stephan 1855 - 1929
Auch in Oschatz begann sich in
der Mitte des vorigen Jahrhunderts die kapitalistische Produktionsweise durchzusetzen. Für die Produktion
von Waagen, Filzen,
Hausschuhen u. a. entstanden kapitalistische Betriebe. . Damit begann
auch die Herausbildung des Proletariats in Oschatz. Nach der Formierung als
Klasse ergab sich die zwingende Notwendigkeit, sich zu, organisieren. Während das in den großen Städten bereits um die Mitte des
19. Jahrhunderts
erfolgte, war es in Oschatz infolge der objektiven Bedingungen erst im
letzten Drittel des vorigen Jahrhunderts möglich. Die Organisierung des Proletariats
in Oschatz ist eng mit dem Namen August Stephan in Oschatz ist eng mit dem Namen August Stephan
verbunden, der
um 1875 nach Oschatz kam und hier zum entscheidenden Organisator und
damit zum Begründer der Sozialdemokratie wurde..
August Stephan wurde am 7.2.1855 in Breslau geboren. Schon im Kindesalter lernte er die
damalige Not und das Elend des

Medaillon am Grabstein auf dem Oschatzer Friedhof, August Stephan und
seine Frau |
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Proletariats kennen, Als
Schulkind arbeitete er bei einem Zigarrenmacher, um einige zusätzliche
Pfennige für die Familie zu verdienen. Noch seiner Schulentlassung blieb er
bei dem Zigarrenmacher als Lehrling. ln diese Zeit fällt die Gründung der
ersten marxistischen Partei in Deutschland - der 1869 in Eisenach von
Wilhelm Liebknecht und August Bebel geschaffenen Sozialdemokratischen
Arbeiterpartei. Nach Beendigung seiner Lehrzeit musste sich August Stephan
auf die Wanderschaft begeben, um neue Arbeit zu finden. Sein Weg führte über
Berlin noch Hamburg. Hier bekam er nicht nur Arbeit, sondern besuchte
auch Arbeiterversammlungen, denn Hamburg war mit ein Zentrum des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins.
Uber Magdeburg kam er dann nach Leipzig. In Leipzig war der Allgemeine
Deutsche Arbeiterverein ebenfalls tätig, aber auch die revolutionäre
Sozialdemokratische Arbeiterpartei. Wir wissen nicht, welcher Richtung
sich August Stephan anschloss 1875 vereinigten sich beide Organisationen
auf dem Vereinigungsparteitag in Gotha zur Sozialistischen Arbeiterpartei
Deutschlands. In diesem Jahr muss August Stephan Mitglied der Partei
geworden sein. Nach seinem Aufenthalt in Leipzig wollte Stephan dann
nach Dresden. Aber in Oschatz fand er neue Arbeit und blieb hier,
Wegen seiner politischen Agitation verlor er jedoch sehr bald wieder
seine Arbeitsstelle als Zigarrenmacher. Er mochte sich selbständig und
verkaufte seine Zigarren im Hausierhandel. So konnte er sich der
Agitation noch besser widmen und neue Genossen werben. Allmählich
entstanden die Anfänge einer Partei in Oschatz. 1878 wurde durch das
Sozialistengesetz zunächst jede weitere legale Arbeit lahmgelegt. Doch
auch in Oschatz wurde bald illegal gearbeitet. August Stephan vertrieb
in dieser Zeit das Kampforgan „Der Sozialdemokrat" der illegal
wirkenden Partei. Auch Flugblätter und Parteibroschüren setzte er bei
seinem Zigarrenhandel mit ab. 1883 heiratete er. In Oschatz war er
bald als "Roter" und "Sozi" bekannt, und man versuchte, ihn aus Oschatz
abzuschieben. Das. Wohnungsproblem war für die Familie Stephan immer mit
großen Schwierigkeiten verbunden. Oft wurde ihr die Wohnung wieder
gekündigt. So wohnte die Familie Stephan zunächst in der Strehlaer
Straße, danach in der Webergasse, in der Lutherstraße und in der
heutigen August-Bebel-Straße. In Oschatz gab es einen Verein der
Hausbesitzer, der natürlich nicht für die ,,Sozis" war, Noch Kündigung
einer Wohnung war die Suche nach einer neuen Wohnung oft ein Problem,
denn die Hausbesitzer informierten sich gegenseitig". Ach, du lieber
Gott, das ist ja der rote Stephan ..Passt auf, dass ihr ihn nicht
reinkriegt!" Hinzu kam, dass die Familie Stephan immer in Not war, denn
ihr Zigarrenhandel ging schlecht. Kurz vor der Aufhebung des
Sozialistengesetzes, am 4.10.1889, sprach in einer Wählerversammlung
im großen Rathaussaal August Bebel zu 400 Oschatzer Arbeitern. Nach
der Versammlung traten 180 von ihnen der Partei bei, deren genaues
Gründungsdatum nicht mehr feststellbar ist. Wenig später, am 26.11.1889,
gründeten die Genossen in Oschatz einen Wahlverein der SPD, dessen Vorsitzender
ebenfalls August Stephan wurde. Die Beteiligung an den Wahlen war eine der
legalen Möglichkeiten des Kampfes der Arbeiter gegen das Sozialistengesetz. Nach Aufhebung dieses Gesetzes
konnten die Genossen der SPD auch in Oschatz wieder legal arbeiten,
hatten sie doch in ganz Deutschland einen großen Erfolg im Kampf gegen
den preußisch-deutschen Militärstaat errungen. August Stephan übernahm ab 1890
auch noch den Vertrieb der Wurzener Zeitung, der Parteizeitung
für den 11. Wahlkreis. Um ihn wegen seiner regen Parteitätigkeit
nicht immer der Gnade der Hausbesitzer auszuliefern, ermöglichte ihm
die Solidarität von Leipziger Genossen den Ankauf eines Grundstückes
in der Badergasse 19, Im ersten noch vorhandenen Protokoll vom
1.5.l893 ist vermerkt, dass August Stephan als 1 .Vorsitzender der
Partei wiedergewählt wurde. In der nächsten Zeit fanden eine ganze
Reihe von Mitgliederversammlungen in der Wohnung des Genossen Stephan
statt, da weder der Rat der Stadt den Rathaussaal zur Verfügung
stellte noch die Oschatzer Gastwirte auf Betreiben des Rates der
Stadt ihre Lokale den ,,Sozis" als Versammlungslokale weiter
überließen. So war die Parteiarbeit selbst nach der Aufhebung des
Sozialistengesetzes in Oschatz nicht einfach. Um diesen Schikanen zu entgehen, gründeten die Oschatzer Genossen einen Arbeiter- Gesangverein,
einen Turnverein und später einen Arbeiterradverein,
in denen Stephan ebenfalls maßgeblich mitbeteiligt war. Aus
dem einzigen noch vorhandenen Protokollbuch der SPD geht hervor, dass August Stephan in einer
Mitgliederversammlung 1899 einen Vortrag von
Wilhelm Liebknecht ,Die Sozialdemokratie und ihre Gegner" zur
Verlesung brachte. Es muss jedoch angenommen werden, dass August
Stephan die neuen Kampfaufgaben des Proletariats nach der Herausbildung des
Imperialismus
kaum erkannt haben dürfte. Mit Beginn
des 20. Jahrhunderts, machte sich der Opportunismus in der SPD immer mehr
breit, und auch in Oschatz werden seine Auswirkungen Spuren hinterlassen haben. Dos beweist deutlich eine
Eingabe der Oschatzer SPD
an den Stadtrat vom 8.4.1917, in der es heißt, dass die Partei in Oschatz zur
Feier des 1. Moi keine Kundgebung durchführen wolle, um die
Kriegsindustrie nicht zu schädigen. Man bat um Genehmigung für die Durchführung eines gemütlichen Beisammenseins mit humoristischen
Vorträgen! Dies in einer Zeit, als die deutschen Imperialisten und Junker
für ihre Profite Millionen von Soldaten auf den Schlachtfeldern
verbluten ließen. Dos war Burgfriedenspolitik der SPD auch in Oschatz.
August Stephans Tätigkeit ist dann auch in der Novemberrevolution 1918
in Oschatz nicht feststellbar. Erwiesen ist aber ein Übertritt von vielen
Mitgliedern der SPD zur USPD und der revolutionären Kräfte der
Oschatzer Arbeiter zu der im Oktober 1919 auch in Oschatz gegründeten
KPD. August Stephan starb am 28. März 1929. Mit der roten Fahne und
unter großer Anteilnahme wurde er zu Grabe getragen. August Stephans großes Verdienst ist und bleibt es, in Oschatz die
Arbeiterpartei begründet zu haben und damit ein Vorkämpfer für die
Sache des Proletariats gewesen zu sein. Die größte Sporthalle in
Oschatz in der Dresdener Straße trägt heute seinen Namen, SIEGFRIED
HEIDLER
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