Oschatz damals | Geschichte(n) | Heimatfest


Aus einer Sammlung des Stadt- und Waagenmuseums Oschatz stammen folgende Entwürfe des Kunstmalers und Zeichenlehrers Georg Hellmich für den zu gestalteten Festumzug und die „Ordnung zum Festumzuge“ Die Numerierung der Entwürfe stimmt nicht immer mit der der Ordnung überein. Vermutlich hat es kurzfristige Änderungen im Ablauf gegeben.
Die handschriftlich notierten Namen auf den Entwürfen sind die am Umzug teilnehmenden Darsteller. Sie wurden von Gustav Vödisch, dem Vorsitzenden des Festzugsausschusses, zugefügt.

Die Zeichnungen wurden von Dr. Manfred Schollmeyer digitalisiert.

Weiteres Bildmaterial f
inden Sie unter Postkarten und Fotos

Ordnung des Festzuges zum Heimatfeste am 8. Juli 1906, nachm. 2 Uhr

Eröffnung: Radfahrerverein zu Oschatz, Radfahrerverein „Saxonia“, Trompeterkorps in altdeutscher Tracht, Steigerzug der Feuerwehr

I. Historische Gruppen
– 1. Germanenzug. Die Germanen bewohnten unsere Heimat von 500 v.Chr. bis 500 nach Chr. Sie bildeten Gerät, Waffen, Schmuck aus Bronze  (eine Mischung von Kupfer und Zinn). In den letzten Jahrhunderten war ihnen auch das Eisen bekannt. Die Toten verbrannten sie und setzten die Asche in schöngeformte Urnen, die oft gradlinige Verzierungen zeigen, in der Erde bei. Im Verlaufe der Völkerwanderung verließen sie die Heimat. Eine solche wandernde Gruppe bietet sich den Beschauern dar.


2. Sorbische Siedlung. Um die Mitte des 6 Jahrhunderts wanderten die Sorbenwenden in die nur noch dünn bevölkerte Heimat ein. Sie waren Fischer, Landbauern und Viehzüchter und liebten die Nierderung. In Gefahr flüchteten sie hinter Ringwälle, oft Heidenschanzen genannt, die ihnen auch vermutlich als Opferstätten dienten. Im 10. Jahrhunderte wurden sie unterjocht durch die eindringenden Deutschen unter dem Sachsenkaiser Heinrich dem I., den Städtebauer. Zu ihrer Bezwingung legte er Burgen an. Es entstand die Mark Meißen, das Hauptland des letzten Königreichs Sachsen.

3. Saxonia. Saxonia begleitet von wehrhaftiger Mannschaft der damaligen Zeit

4. Otto der Reiche. Auch Oschatz, ozzec=Waldhau, wurde ein befestigter Ort gegen die unruhigen Daleminzier. Unser Chronist Hoffmann schreibt die Befestigung der Stadt mit Mauern und Türmen dem Markgrafen Otto zu. Durch die Freiberger Silberbergwerke gelangte er in den Besitz großer Schätze, weshalb er der Reiche genannt wurde.

5. Hussiten. Um die Weihnachtszeit 1429 verwüsteten die Hussiten unsere Heimat, die wüsten Marken geben noch Kunde davon. Auch Oschatz wurde niedergebrannt, ein großer Teil der Bürger fiel, andere flüchteten in die nahen Wälder. Das Kloster wurde zerstört, nur das schöne Gewölbe der Klosterkirche blieb erhalten. Doch gelangte Oschatz bald zu neuer Blüte.

6. Ausfall im dreißigjährigen Kriege. Bis 1632 blieb die Stadt vo den Drangsalen dieses verderblichen Krieges verschont. Kroaten drangen durch die Tore ein, töteten die Bürger, die sich zur Wehr setzten und raubten die Stadt aus. 1637 unternahmen die kaiserliche Beatzung durch die 500 Kroaten und 200 Reiter verstärkt ainen Ausfall. Die Schweden wurden bis nach Torgau verjagt. viele wurden niedergemacht und gefangen.

7. Hubertusburger Leibgrenadier-Freikompagnie. Diese Luxustruppe diente zur Bewachung des Schlosses Hubertusburg und hatte in Oschatz ihre Garnison. Sie betrug 160 Mann und 5 Offiziere, die jährliche Unterhaltung kostete 20.688 Taler. 176 wurde sie aufgelöst.

– 8. Schützengilde. Schützen in historischer Tracht mit Armbrust bewaffnet eröffnen den Zug, auf dem Festwagen erhält der beste Schütze des Siegespreis aus schöner Hand, den Schluss macht die Oschatzer Kommunalgarde. [In einer anderen Quelle ist nach der Schützengilde eine Postkutsche aufgeführt]

– Trompeterkorps

– 9. Ossitia (Wagen der Stadt Oschatz) gefolgt von den städtischen Kollegien mit den Ehrenbürgern und den 4 ältesten Bürgern in bekränzten Wagen


 

Die Landsmannschaft Leipzig

II. Schulen
1. Bürgerschulen (Die obersten Klassen der Bürgerschulen mit zwei Mädchengruppen: Hänsel und Gretel und Schneewittchen)
2; Realschule mit einer Gruppe: Fahrende Schüler
3. Seminar

III Innungen: Stadtkapelle
1. Tuchmacher
2; Schneider
3. Gerber
4; Schuhmacher mit Festwagen
5. Schmiede
6. Klempner mit Festwagen
7. Tischler
8. Bäcker mit Festwagen
9. Fleischergruppe

IV Industrie
1. Gambrinuswagen, Brauerei Nitzsche
2. Waagenfabrik, Firma Kopp und Haberland


3. Wollwarenfabrik, Firma Nuster
4. Buch- und Steindruckerei, Firma Göthel
5. Christbaumschmuckfabrik, Firma Senf
6. Korbwarenfabrik, Firma Pohorzeleck
7. Kürschnerei, Firma Riebisch
8. Weinhandlung (Rotkäppchengruppe), Firma A. Roßberg
9. Obstweinkelterei, Firma Ehlert

V. Vereine: Stadtkapelle
1. Kgl. S. Militärverein „Kameradschaft“
2. Kgl. S. Militärverein „Jäger und Schützen“
3. Turnverein
4. Männergesangverein Liederkranz
5. Männergesangverein Liederfreund
6. Männergesangverein Sängerkranz
7. Männergesangverein Eintracht
8. Männergesangverein Lied Hoch
9. Evangelischer Arbeiterverein

Schluß: Feuerwehrabteilung

Die Sanitätsabteilung der Feuerwehr ist im Festzuge verteilt und zur Hilfeleistung jederzeit bereit.

Quelle: Sammlung des Oschatzer Stadt- und Waagenmuseums

In dem „Erinnerungsblatt an das Heimatfest" ist auch das vollständige Programm abgedruckt.

Sonnabend, den 7. Juli

19 Uhr Begrüßungsabend mit Vorträgen und Aufführungen im Hôtel „zum goldenen Löwen“
im Saale Konzert der Stadtkapelle; im Garten Konzert der Regimentkapelle

Sonntag, den 8 Juli
6 - 8 Uhr: Konzert im Stadtpark
8 Uhr: Besuch des Friedhofs
9 Uhr: Festgottesdienst
½12 - 1 Uhr: Marktmusik - Neumarkt Regimentskapelle, Altmarkt Stadtkapelle
½1 Uhr: Gemeinsames Mittagessen im Hôtel „zum goldenene Löwen“ (Anmeldungen hierzu können bis Sonnabend Abend ausser beim Wirt auch bei den Herren Fischer, Kolbe oder Tiegel abgegeben werden)
2 - 4 Uhr: Festzug. Aufstellung Reithaus am alten Turnplatze bis Kneppers Gasthof. Weg: Bahnhofstraße bis zur Schule, Lutherstraße, Altmarkt, Sporerstraße, Neumarkt, Seminarstraße, Bismarckstraße, Wettinstraße, Miltitzplatz, Miltitzstraße, Altoschatzer Straße, Hospitalstraße, Dresdner Straße, Strehlaer Straße, Altmarkt, Brüderstraße,  untere Promenade, Festplatz.
von 4 Uhr ab: Volksbelustigung und Tanzvergnügen auf dem Festplatze, Konzert von 2 Kapellen.
19 Uhr: Brilliantfeuerwerk

Montag, den 9. Juli
9 Uhr: Führung durch die Stadt, Besuch der Sammlung für Orts- und Volkskunde,
Versammlungsort: Ratskeller
11 - ½1 Uhr: Marktmusik; Neumarkt Stadtkapelle, Altmarkt Regimentskapelle
2 Uhr: Ausflug mit Musik; Stranggraben, wüstes Schloss, Forsthaus, Collm.
Versammlungsort: Großer Ratszwingergarten
4 - 6 Uhr: Konzert auf dem Festplatze, Regimentskapelle, Kinderbelustigung
9 Uhr: Abschiedskneipe im Löwen, Stadtkapelle


In dem Oschatzer Tageblatt und Anzeiger  erschien am 07. Juli 1906 folgender Artikel:
 

Der langersehnte Tag des Heimatfestes ist gekommen! Straßen und Plätze, Häuser und Türme, alles hat ein besonders festliches Aussehen erhalten! Viele fleißige Hände regten sich schon lange vorher, um das Fest in alles seinen Teilen durchzuführen. und zum guten Gelingen zu bringen. Viele Häuser und Zäune wurden vorher mit einem neuen Anstrich versehen, wodurch nun allerdings andere, bei denen eine Renovierung angebracht gewesen wäre aber unterblieben ist, unvorteilhaft hervorzutreten. Auch auf dem Friedhofe sieht es anders aus als voriges Jahr um diese Zeit. Viele Gräber wurden neu vorgerichtet, die Gedenksteine aufgefrischt, mit Kränzen und frischen Blumen geschmückt! Wie prächtig sehen die Straßen aus! Trotz des an dem letzten Tage vor dem Beginn des Festes eingetretenen ziemlich heftigen längeren Regens wurden die getroffenen Schmückungsvorbereitungen vollendet. Wer zum Gelingen des Festes nicht mithelfen oder voraussichtlich an demselben nicht teilnehmen konnte, tat es auf andere Weise, wie durch Spendung von freiwilligen Beiträgen zur Ausführung des Festes, durch Ueberreichung von Gaben zur Verlosung usw. So wurde das Volkskunde-Museum bereichert, die Kranken wurden nicht vergessen und der Kreuzbruderverein beschenkte gestern abend aus Anlaß des Heimatfestes 40 Personen mit Lebensmitteln, 1/2 Kilo Gemüse, 2 Kilo Brot und 1/4 Kilo gebrannten Kaffee. Ja, eine namhafte Stiftung für die Kranken der Stadt, ein stilvolles, sinniges Geschenk für die Kirche soll bevorstehen und morgen übergeben werden! Wie viele werden aber alte Freunde wiederfinden, alte liebgewordene Plätzchen aufsuchen, alte Erinnerungen auffrischen und am Grabe lieber Eltern und Verwandten betend mit guten Vorsätzen in ihre zweite Heimat zurückkehren mit dem Vorsatze, diese alten, lieben, heiligen Plätze öfterer aufzusuchen, als bisher geschehen! Möge das Heimatfest seinen edlen Zweck erreichen, Liebe zur Heimat und zum Vaterland wachzurufen und zu pflegen, alte Freundschaften zu erneuern und neue anzuknüpfen. Dieser Zweck kann auch durch die Ungunst des Wetters nicht vereitelt werden, wie es leider nun mit vielen Vorbereitungen und geplanten Veranstaltungen der Fall sein wird; so mußte wie z.B. bereits durch Plakate bekanntgegeben das Konzert der Militärkapelle vom Löwengarten nach der Festhalle im Reithause verlegt werden; das Feuerwerk muß eine 1/4 Stunde früher beginnen, damit die Zuschauer den Extrazug nach Mügeln noch benutzen können. Der Turmchoral wird um 7 Uhr gespielt werden.

Die erste Anregung auch in Oschatz ein Heimatfest zu begehen, wie es bereits in einigen anderen sächsischen Städten der Fall gewesen war, wurde schon in einer Versammlung des Städtischen Vereins im Jahre 1900 gegeben. Die Folge dieser Anregung war zunächst das Parkfest vom 9. Juni 1901. Um aber das Heimatfest würdig zu begehen, wurde eine gründliche Vorbereitung für nötig gehalten. Deshalb wurde 1904 abermals zunächst ein Parkfest abgehalten, von dessen Reingewinn 150 Mark zur Vorbereitung des Heimatfestes zurückbehalten wurden.

Die A u f s t e l l u n g  des Zuges nach der festgesetzten Reihenfolge beginnt b. Kneppers (Einfahrttor zum Hofe bleibt frei). Die Gruppen schließen sich, vom Gruppenführer geleitet, längs der Promenade, um das Reithaus, am Dippoldisberge hin an. Die Vereine bilden auf dem alten Turnplatze den Schluß

Alle Teilnehmer erhalten eine rote Karte zum freien Eintritt für Sonntag auf den Festplatz (soweit sie nicht mit Festkarten versehen sind) vom Gruppenführer, der sie bei Meldung vom Vorsitzenden des Festzugs-Ausschusses entnimmt. Die Teilnehmer zu den historischen Gruppen erscheinen des Frisieren wegen spätestens um 1 Uhr im Reithause.

A n m a r s c h : Die Gruppenführer leiten 1/2 2 die Gruppen der Schulen, Innungen, Vereine und Industrien von ihren Versammlungsorten nach dem Aufstellungsplatze und nehmen den Weg nicht durch die untere Promenade, sondern durch die Brüdergasse und an der Klosterkirche vorbei, um die Aufstellung nicht zu gefährden. Starke Abteilungen, über 20 Mann, treten zu sechs Mann in ein Glied.

Der Beginn des Zuges wird durch Fanfare gegeben. Das Zugtempo ist langsam, werden die Zwischenräume zu groß, so haben sich die Gruppenführer zu verständigen und allmählich den Uebelstand auszugleichen. Die Kutscher sind besonders auf die Stellen Altoschatzerstraße von Tiegel bis Hospitalstraße bei Friedrich und Seminarstraße von Bock bis Käseberg aufmerksam zu machen, dort muß auch das Schleifzeug angewendet werden.

Bei ev. U n f ä l l e n  ist den Gruppenführern Ruhe und Besonnenheit zu empfehlen ohne Aufenthalt und Aufsehen wird der Zug weitergeleitet. Die Hilfe der Samariter ist in Anspruch zu nehmen, bei schweren Fällen die der Ärzte, die am schnellsten in ihrer Wohnung aufzufinden sind.

Auf dem Festplatze löst sich der Zug auf. Die Fahnen werden in den Fahnenständer am Musikpodium gestellt. Die Wagen fahren die Döllnitz entlang, den Weg bei Herrn Wagwitz zur Bahnhofstraße zurück in ihre Lokale, die historischen Wagen zur Abrüstung ins Reithaus.

Wie immer bei festlichen Angelegenheiten, so ist es Herrn Gastwirt Pfitzmann, Besitzer des „Amtshofes“, auch zu dem Heimatfest gelungen eine Varietégruppe - Großer's Burlesken-Ensemble - zu gewinnen, die in Oschatz durch ihr jüngstes Auftreten noch in bester Erinnerung ist. Auch heute Sonnabend tritt die Gesellschaft mit einem vollständigen neuen Programm auf, so daß ein genußreicher Abend in Aussicht steht und ein starker Besuch wohl zu hoffen ist.

 

 


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