Oschatz damals | Geschichte(n) | Leipziger Courier



Im Geschäfts-Handbuch der Städte Oschatz, Strehla, Mügeln, Dahlen von 1895 ist folgendes nachzulesen:
„Im April 1893 hatte sich der Courier in unserer Stadt etablirt, welcher offene Briefe, Postkarten, Drucksachen und Waarenproben für einen geringeren Tarif als die Reichspost zu befördern übernahm. Da aber die Benutzung nur für eine ganz geringe Anzahl Städte möglich war, ging die Einrichtung bereits 13. Juli gleichen Jahres wieder ein. Es befand sich die Ausgabe Lutherstraße 539 I. Etage. Der hiesige Verteter war August Schulte.“


In der Ausgabe 9/10 der Philatelistenzeitung, Jahrgang 1916 wird über die Anfänge dieser Privatpost berichtet: 

Oschatz
Eröffnet als Filiale des Leipziger Courier durch August Schulze, Lutherstraße 539 I., am 10. April 1893

Schulze erhielt nach seiner eigenen Aufstellung am 10. April 1893:
800 Marken zu 2 Pfennig
400 Marken zu 3 Pfennig
1000 Marken zu 3 Pfennig
1000 Karten zu 2½ Pfennig
1500 Karten zu 3 Pfennig
500 Kartenbriefe zu 3½ Pfennig
200 Briefumschläge zu 5 Pfennig

ferner am 19. April 1893:
500 Marken zu 3 Pfennig

und am 22. April 1893:
1000 Karten zu 3 Pfennig
500 Kartenbriefe zu 3½ Pfennig

Am 10. April hatte er erhalten: einen Bronzestempel, einen geradlienigen Ortsstempel, zwei gebrauchte Taschen, sechs Briefkasten, und sechs Plakate, denen am 19. April ein Kasten, swei Plakate und zwei Mützen folgten.
Der Umfang der Tätigkeit der Filiale Oschatz lässt sich aus einer statistischen Aufstellung Schulzes erkennen.

Bis zum 25. April einschließlich hat er abgesandt:
60 Briefe zu 5 Pfennig
106 Kartenbriefe zu 3½ Pfennig
289 Karten zu 3 Pfennig
1 Drucksache zu 2 Pfennig
2 Warenproben zu 6 Pfennig

 

 

In derselben Zeit sind in Oschatz angekommen und bestellt worden:
44 Briefe zu 5 Pfennig
7 Kartenbriefe zu 3½ Pfennig
109 Karten zu 3 Pfennig
123 Drucksachen zu 2 Pfennig
4 Drucksachen zu 3 Pfennig
2 Drucksachen zu 5 Pfennig
3 Warenproben zu 6 Pfennig

Bis Ende April waren bereits abgesandt:
473 Briefe zu 5 Pfennig
323 Kartenbriefe zu 3½ Pfennig
1142 Karten zu 3 Pfennig
12 Drucksachen zu 2 Pfennig
16 Drucksachen zu 5 Pfennig
9 Drucksachen zu 10 Pfennig
5 Warenproben zu 6 Pfennig

Angekommen und bestellt waren:
844 Briefe zu 5 Pfennig
48 Kartenbriefe zu 3½ Pfennig
1031 Karten zu 3 Pfennig
256 Drucksachen zu 2 Pfennig
110 Drucksachen zu 3 Pfennig
21 Drucksachen zu 5 Pfennig
16 Drucksachen zu 10 Pfennig
11 Warenproben zu 6 Pfennig

Man sieht daraus, dass im April 1893 Ortskarten zu 2½ Pfennig garnicht verwendet wirden sind, dass aber nach anfänglich sehr geringer Benutzung der Privatpost in Oschatz in den letzten 5 Tagen des April eine ausserordentliche Steigerung eingetreten ist, die zu großem Hoffnungen berechtigte.

Matthias Fiebiger, Stauchitz, schrieb einen ausführlichen Artikel über die Oschatzer Privatpost, den er freundlicherweise Oschatz-damals zur Verfügung stellte und der auch in der OAZ erschien:

1893: In Oschatz eröffnet eine private Postanstalt
Weitgehend unbekannt dürfte sein, dass es eine Postbeförderung von privaten Unternehmen neben der staatlichen Post nicht erst seit der Liberalisierung Ende 1997 gibt. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war die Ortsbriefbeförderung überwiegend private Angelegenheit. Erst das Postgesetz vom 2. November 1867 und das Gesetz über das Postwesen des Deutschen Reiches vom 28. Oktober 1871 schufen einheitliche Regelungen. Danach war es privaten Unternehmen nur noch gestattet, Sendungen innerhalb von Orten sowie Postkarten von einem zum anderen Ort zu befördern. Daraufhin entstanden im Deutschen Reich über 250 Privatpostanstalten. Allein im Königreich Sachsen war in mindestens 16 Orten der Sitz privater Postunternehmen. Schließlich gründete Ernst Schmalfuß am 11. August 1892 in Leipzig sein Unternehmen „Courier“. Bis zum 10. April 1893 erweiterte er es auf über 50 Zweiganstalten des „Leipziger Courier“. So auch die in Oschatz.

Eine Zeitungsanzeige zur Eröffnung der ersten 27 Anstalten des auswärtigen Verkehrs des „Leipziger Courier“ verkündete am 9. März 1893 Großes: Der Gründer des Unternehmens, Ernst Schmalfuß, versprach rasche, pünktliche und billige Briefbeförderung in der Region Oschatz. Die Briefkästen zeichneten sich durch rote und gelbe Farbe aus. In gleicher Farbkombination trugen die Angestellten ihre Mützen. Das Netz der Zweiganstalten des „Leipziger Courier“ umfasste ausschließlich Orte mit Bahnanschluss, und da auch nur ausgewählte. Diese reichten von Erfurt im Westen, Halle im Norden, Dresden im Osten bis Plauen im Süden. Die Beförderung erfolgte durch Briefträger, die mit der Eisenbahn bestimmte Streckenabschnitte befuhren und die Post an den jeweiligen Bahnhöfen den örtlichen Boten übergaben. Derart weitreichende Verbindungen, wie sie der „Leipziger Courier“ geschaffen hatte, gab es sonst nirgendwo in Deutschland. Doch noch während sich das Netz des Unternehmens im Aufbau befand, meldete die Hauptanstalt in Leipzig am 10. Mai 1893 Konkurs an. Ein großer Teil der Zweiganstalten schloss sich zusammen, um den auswärtigen Verkehr aufrecht zu erhalten. Am 10. Juli 1893 wurde der auswärtige Verkehr des „Leipziger Courier“ zwischen den Anstalten eingestellt. In einigen Orten wurde noch ein Stadtbriefverkehr aufrechterhalten, der spätestens am 31. März 1900 geschlossen werden musste, weil durch eine Gesetzesnovelle mit Wirkung vom 1. April 1900 die private Briefbestellung gegen Entgelt verboten wurde. Diese vier Monate des „Leipziger Courier“ gehören zu den interessantesten der deutschen Privatpost im 19. Jahrhundert. Hier wurde ein Verbund von Filialen gegründet, der die Bestimmungen des Postgesetzes nutzte und Postkarten, sowie unverschlossene Sendungen über große Räume verteilte. Um dieses Unternehmen zu einem bedeutenden Erfolg zu bringen, waren aber leistungsfähigere Unternehmer erforderlich, als es Ernst Schmalfuß einer gewesen ist.

hier in der Lutherstraße 539 (heute 16) residierte die einstige Filiale des Leipziger Couriers und der später eigenständige Oschatzer Courier in der 1. Etage – schräg gegenüber vom Kaiserlichen Postamt. (Sammlung: Steffen Bahnemann)

Die Privatpostgeschichte in Oschatz begann am 10. April 1893 mit der Eröffnung der Zweiganstalt des Leipziger Courier durch August Schulze in der Lutherstraße. An diesem Tag empfing er einen Bronzestempel, einen gradlinigen Ortsstempel, zwei gebrauchte Taschen, sechs Briefkästen und sechs Plakate, denen am 19. April ein Kasten, zwei Plakate und zwei Mützen folgten. Nach den Vereinbarungen zwischen Postgründer Ernst Schmalfuß und Filialinhaber August Schulze war auch geregelt, dass der Filialleiter als Provision 50 Prozent des Frankaturbetrages aller abgehenden und angekommenen Postsachen erhielt. Das Porto lag damals für Karten bei drei und Briefen bei fünf Pfennigen.
In den ersten zwei Wochen betrug das anfängliche Postaufkommen ein- und abgehender Sendungen 750 Sendungen. Dieses stieg bis zum Ende des Monats schlagartig in allein fünf Tagen auf insgesamt 4317 Sendungen. Diese Tatsache weckte große Hoffnungen auf weitere Steigerungsraten durch diese private Postanstalt.

Durch den Konkursausbruch in Leipzig wurde die Filiale am 10. Mai 1893 selbstständig und firmierte unter der Bezeichnung „Oschatzer Courier“ weiter. Die Wertmarken erhielten einen einzeiligen Aufdruck „Oschatz“.   Mit der Einstellung des Fernverkehrs am 10. Juli 1893 war der Lebensnerv abgeschnitten, sodass das Unternehmen den Betrieb einstellen musste.

 


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