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Der Bürgerschullehrer Fritz Mucke schrieb am 12. Februar 1927 den folgenden Aufsatz über das Ferienheim, das er jahrelang leitete. Dieser Aufsatz befindet sich im Stadtarchiv von Oschatz, das auch die Rechte an diesem Schriftstück besitzt.
Leider sind nicht mehr alle im Text erwähnten Fotos vorhanden.

Im Jahre 1933 wurde dieses Heim einer anderen Bestimmung übergeben, es wurde als „Schutzhaftlager“, sprich Konzentrationslager, verwendet. Der Abriss des Gebäudes erfolgte im Herbst 1936. Über diesen Zeitabschnitt erinnert auf den Seiten des Oschatzer Geschichts- und Heimatvereines ein Aufsatz von Wolfgang Michael.

 


Das Oschatzer Ferienheim ist eine soziale Einrichtung der Stadt Oschatz. Vor 1900 bestand die Einrichtung darin, dass in den „Großen Ferien“ 30-40 Kinder durch eine Milchkur ihren Gesundheitszustand bessern konnten. Von 1901-1910 bekamen die Kinder in der Stadt ein warmes Mittagessen (Sächs. Hof, später Amtshof) und wanderten dann mit ihren Führern nach den umliegenden Dörfern, um in einem Gasthofgarten Wurst und Brot und Kaffee oder Limonade zu bekommen. Da aber die Wanderung auf der Landstraße in  Staub und Hitze der Gesundheit der Kinder wenig zuträglich war, auch die Spielgelegenheit sehr beschränkt wurde, galt es ein Heim zu schaffen, das Schutz bot gegen Wind und Wetter und als Umgebung genügend Platz, um als Tummelplatz de Kinder zu diesen. Auch musste die Möglichkeit vorhanden sein, einfache Getränke zu bereiten.

Im Jahr 1911 wurde durch die finanzielle Mithilfe des Herrn Amthauptmanns Dr. Wach (1000 Mk) Herrn Fabrikbesitzer Nuster (1000 Mk) des Stadtrates und der Stadtverordneten (1200 Mk) und der Geldeinbuße des Herrn Baumeister Perthen (1500 Mk) das Gebäude, das im Grundriss als Tagesraum bezeichnet wird, mit Ausnahme des Küchenanbaues erbaut. Als Küche diente der jetzt als Schrank- und Krankenzimmer bezeichnet Raum.

Die Kinder wanderten nun in der Mittagssonne nach der Schutzhütte und bekamen dort Kakao und Suppe und Wurst und Brot, Die Kosten der Ausgaben wurden zum größten Teik durch freiwillige Sammlungen, Kinderaufführungen und besondere Spenden gedeckt. Schwierig war die Durchführung in der Inflationszeit. Schon immer war es der Wunsch der Lehrerschaft, die Ferienerfrischung so auszubauen, dass den schwächlichen Kindern der weite Weg in Sonne und Wetter erspart werden möge. Deshalb wurden in den letzten Jahren die Kinder oft schon am Vormittage bestellt und das Heim als Aufenthaltsort für den ganzen Tag in Anspruch genommen. Endlich 1925 baute die Stadt in den Tagesraum 40 Bettstellen ein, nun konnte die Hälfte der Kinder Tag und Nacht im Walde bleiben. Die andere Hälfte musste am Abend wieder nach Hause ziehen. Am Ende der Ferienerfrischung 1925 zeigte sich deutlich am Gesundheitszustand der Kinder, dass es unbedingt nötig war, Platz für alle Kinder zu schaffen. Dank der Stadtverwaltung und dem Wohlwollen der Stadtväter wurden auch die Mittel bewilligt, dass 1926 ein großer Schlafraum angebaut, die neue Küche in der Nähe des Wassers geschaffen und ein Schrank- und Krankenzimmer eingerichtet werden konnte, das hauptsächlich als Vorratsraum dient. Vorgesehen für das nächste Jahr sind erstens ein kleiner Anbau, um einen Waschraum neben der Küche zu gewinnen und zweitens kleine Wandschränke im Tagesraum zum Ordnen der Sachen der Kinder. Dann kann das Heim als mustergültig angesehen werden. Die Beleuchtung geschieht durch Petroleumlampen; sie genügen aber, weil die Kinder mit der Sonne schlafen gehen. Bei Unruhen in der Nacht werden elektrische Handlampen benutzt.

Das Ferienheim liegt eine halbe Stunde entfernt, etwas abseits der Oschatz-Wermsdorfer Landstraße am Waldesrande auf der alten Flur Pappenheim (Bild 1). Es besteht aus der alten Schutzhütte mit Vorbau und dem Neubau rechts (Bild 2). An der Westseite des Tagesraumes ist die Küche eingebaut, um den Transport des Wassers zu erleichtern (Bild 3). Der beigefügte Grundriss zeigt die Einstellung der Räume. Im Tagesraum (Bild 4) ist Sitzgelegenheit für 80 Kinder, außerdem befinden sich hier die Regale für die Waschgelegenheit der Kinder. Durch einen Vorraum, der auch Ausgang nach den Knaben - und Mädchenaborten hat, gelangt man in den großen luftigen Schlafraum (Bild 5), in den in einfachster Art 80 Kinder auf Strohmatratzen schlafen können. Außerdem befinden sich noch drei Betten der Führer darin, die abwechselnd in der Nacht die Kinder versorgen müssen. Aus dem Tagesraum gelangt man durch eine andere Tür in das Schrank- und Krankenzimmer, in dem im Notfalle ein Kind vorübergehend gepflegt werden kann, das aber hauptsächlich als Vorratsraum benutzt wird. (Bild 6). In der Küche (Bild 7) werden die Speisen und Getränke bereitet. Hier stehen ein Herd und ein großer Waschkessel. Größere Mädchen, die nicht der Bedürftigkeit wegen ausgewählt sind, müssen bei der Zubereitung der Speise und bei der Reinigung der Gerätschaften helfen (Bild 8). Die Notwendigkeit eines Waschraumes, besonders bei schlechtem Wetter ersieht man aus Bild 9. Die Kinder müssen sich bei jedem Wetter früh und abends auf der Wiese waschen.
Die Herbeischaffung der Lebensmittel, besonders der leichtverderblichen, bot in sofern Schwierigkeiten, als täglich 5 größere Knaben mit einem Führer in die Stadt fahren mussten, um dieselben herbeizuholen (Brot, Fleisch, Wurst, Gurken, Bahnen, Marmelade, usw.) Jeden Abend fuhren 5 Knaben nach dem nahen Lampersdorf, um 20l frische Milch zu holen (Bild 10).

Wertvoll für das Ferienheim ist die Nähe des Bades. Ein immer vollquellender Steinbruch (siehe Beilage) zeigt eine Landzunge, auf der die Nichtschwimmer (Knaben und Mädchen) an einem großen Seil festhaltend sich täglich (an heißen Tage oft 2mal)erfrischen können. (Bild 11). Da die Tiefen des Steinbruches sehr verschieden sind, (bis 3,6o m tief) ist größte Vorsicht geboten. Den Freischwimmern ist der Teich unter Aufsicht freigegeben und viele Wasserspäße erheitern Schwimmer und Zuschauer (Bild 12). Auf einem selbstgebauten Floß, mit der großen Badewanne als Anhänger und Rettungsboot wird der Teich auch zur Gondelfahrt benutzt (Bild 13). Aber den Kindern ist es verboten, sich ohne Aufsicht am Teich aufzuhalten.
Auf der vor dem Ferienheim liegenden Wiese tummeln sich die Kinder in jeder Weise. Tauziehen (Bild 14) oder Kreisspiele (Bild 15) wechseln mit Beschäftigungen und Spielen in kleinen Gruppen. Ungemeine Freude erweckt die wöchentlich 1-2 malige Benutzung der Karussellwippe (Bild 16). Der nahe Wald bietet Gelegenheit zur Herstellung von Erdhöhlen und Steinwohnungen, in denen Indianer und Trapper (Bild 17) ihr Wesen treiben. Auf allen Gesichtern der fröhlichen Schaar (Bild 18) sehen wir die Freude an der Erholung in Wald und Flur, und dankbar gedenkt jedes Kind der Stadtverwaltung, die dieses Erholungsheim geschaffen. Zur Führung des Heimes sind 4 Kräfte erforderlich (Bild 19). 3 davon sind Tag und Nacht im Heim, die Kochfrau von Morgen zum Abend. Seit 1908 als Führer und seit 1919 als Leiter der Ferienerfrischung ist der Unterzeichnete tätig

Oschatz, den 12 Februar 1927


Leiter der Ferienerfrischung



Bild 1

Das Ferienheim liegt eine halbe Stunde entfernt, etwas abseits der Oschatz-Wermsdorfer Landstraße am Waldesrande auf der alten Flur Pappenheim



Bild 4

Im Tagesraum ist Sitzgelegenheit für
80 Kinder


Bild 5

[...] gelangt man in den großen luftigen Schlafraum

 
Bild 6

[...] das Schrank- und Krankenzimmer, in dem im Notfalle ein Kind vorübergehend gepflegt werden kann, das aber hauptsächlich als Vorratsraum benutzt wird.

 
Bild 7

In der Küche werden die Speisen und Getränke bereitet. Hier stehen ein Herd und ein großer Waschkessel.


Bild 8

Größere Mädchen müssen bei der Zubereitung der Speise und bei der Reinigung der Gerätschaften helfen,


Bild 9

Die Kinder müssen sich bei jedem Wetter früh und abends auf der Wiese waschen.


Bild 10

Jeden Abend fuhren 5 Knaben nach dem nahen Lampersdorf, um 20l frische Milch zu holen.


Bild 13

Auf einem selbstgebauten Floß, mit der großen Badewanne als Anhänger und Rettungsboot wird der Teich auch zur Gondelfahrt benutzt

 
Bild 14

Auf der vor dem Ferienheim liegenden Wiese tummeln sich die Kinder in jeder Weise.


Bild 16

Ungemeine Freude erweckt die wöchentlich 1-2 malige Benutzung der Karussellwippe


Bild 19

Zur Führung des Heimes sind 4 Kräfte erforderlich
  Bürgerschullehrer Fritz Mucke

 


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