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Lienhard Buck fasste seine Recherchen zum Standort der Burg Oschatz zusammen in seinem Aufsatz
Rätsel der Oschatzer Stadtgeschichte: Das Vogtshaus und die verschollene Burg Oschatz“

Als nach langjähriger aufwändiger Sanierung die Oschatzer Stadtkirche St. Aegidien in alter Schönheit wiedererstanden war, wussten nur wenige Eingeweihte, dass direkt im Schatten des ehrwürdigen Gotteshauses ein weiteres stadtgeschichtliches Kleinod am Kirchplatz sein unauffälliges Dasein fristete. Vor wenigen Jahren noch wies nur ein verwittertes Schildchen an der Straßenfront des alten Hauses auf seine frühere Bedeutung als Tuchmacherhaus und Altes Rathaus hin. Der Zahn der Zeit hatte bereits deutliche Spuren an dem leerstehenden Gebäude hinterlassen; ein Notdach sicherte es vor weiterem Verfall.
Der langgehegte Wunsch aller Verantwortlichen, wieder Leben in das alte Haus zu bringen und gleichzeitig ein stadtgeschichtlich überaus bedeutsames Bauwerk nach den Vorgaben der Denkmalpflege zu sanieren, fand erfreulicherweise überall Zustimmung und Unterstützung. Seine Umsetzung allerdings bereitete den Beteiligten graue Haare: Die baugeschichtliche Untersuchungen boten ein verwirrendes Bild: im Laufe vieler Jahrhunderte war das Haus durch immer neue Um-, An- und Einbauten dem jeweiligen Bedarf der Besitzer angepasst und verändert worden. Fest stand schon bald: es handelt es sich um den jetzt nachweislich ältesten städtischen Profanbau in Mittelsachsen. Welche der vielen stilistisch so unterschiedlichen Bauphasen sollte man nun bei der Sanierung wiedererstehen lassen? Selbst für die Experten der Denkmalpflege ein fast unlösbares Problem.
Man wählte eine kühne, am Ende aber doch überzeugende Lösung. Nichts Wertvolles durfte verloren gehen, der Besucher soll nach Abschluss der Sanierung die wechselvolle Geschichte des Bauwerks optisch und materiell nachvollziehen können. Dieses Vorhaben ist überzeugend gelungen. Man kann nach der Neueröffnung am 24. Oktober 2009 allen an diesem Vorhaben Beteiligten nur Dank und Anerkennung aussprechen. Unsere Stadt erhielt durch ihr gemeinsames Engagement unter Leitung des verdienten Stadtbaudirektor Gert Jubisch eine lange verborgene, architektonisch einmalige Kostbarkeit zurück.


Die erfolgreiche Wiederbelebung des ehrwürdigen Bauwerks brachte ein bisher noch immer offenes Rätsel der Stadtgeschichte wieder ins Blickfeld vieler Heimatfreunde zurück: die bisher noch immer unbeantwortete Frage nach dem Standort der verschollenen Burg Oschatz. Die folgenden Überlegungen sind ein Versuch, das Rätsel von einem neun Blickwinkel aus zu lösen.
Die Ursprünge der meisten sächsischer Städte verbergen sich im Dunkel des Mittelalters und die wenigen über die Jahrhunderte schriftlich erhalten gebliebenen Urkunden setzen hier nur winzige Lichtpünktchen. Wir müssen uns damit abfinden, dass viele wichtige Fragen nicht mehr zweifelsfrei beantwortet werden können. Immerhin erlaubt uns das mittelalterliche Archivmaterial, aus einzelnen überlieferten Fakten Querverbindungen und Schlussfolgerungen zu ziehen und schließlich im Kontext mit archäologischen Befunden manche Vermutung nachträglich plausibel zu begründen.
Die Sachverständigen datieren die Ursprünge unseres Vogtshauses auf die Zeit um 1180. Damals stand als Baumaterial für einfache Bürger lediglich Holz zur Verfügung, schon ein kleines Fachwerkhaus zeugte von außergewöhnlichem Wohlstand. Massive Bruchsteinmauern, gar von Steinmetzen behauener Naturstein, waren Kirche und Adel vorbehalten. Das im alten Mauerwerk freigelegte Rundbogenfenster ist ein architektonisches Schmuckelement, das sich nur ein sehr wohlhabender Bauherr leisten konnte. Ob dafür ein markgräflicher Stadtvogt persönlich in Frage kommt, wie dies der heutige Name „Vogtshaus“ zunächst suggeriert, erscheint zweifelhaft. Eher wäre wohl an die Landesherren selbst, die Markgrafen von Meißen, zu denken, die mit ihrer Belehnung auch Burgherren geworden waren und nun für ihre Statthalter in Oschatz, die Stadtvögte, einen ständig bewachten, möglichst sicheren und repräsentativen Amtssitz benötigten. Dieser Überlegung wollen wir nachgehen.
Eine Burg Oschatz soll bereits um 926 unter König Heinrich I. (reg. 919-936) in der Nähe der slawischen Siedlung Ozzec (jetzt Altoschatz) im damaligen Gau Daleminze errichtet worden sein. So nachzulesen in Schumanns „Lexikon von Sachsen“ aus dem Jahre 1820. Die Ortsangabe ist nicht zu bezweifeln, die frühe Datierung ist aber wohl etwas zu gewagt; der Burgenbau im Zuge der deutschen Ostexpansion begann erst nach dem Fall der slawischen Festung Gana (bei Stauchitz) im Jahre 928 mit dem Bau der Burg Meißen ab 929.
In diese Zeit fallen auch die Anfänge einer ständigen deutschen Besiedlung. Burgen und Kirchen waren damals die Zentren des politischen und gesellschaftlichen Lebens, ihr Bau war nicht nur eine Macht-, sondern auch eine Prestigefrage und wurde mit einem enormen Aufwand an Arbeit und Geld betrieben. Auch in Oschatz entwickelte sich im 10. und 11. Jahrhundert eine Kaufmannssiedlung am heutigen Altmarkt, unweit der Döllnitzfurt, wo das Flüßchen von einer alten Handelsstraße von Leisnig nach Strehla durchquert wurde. Zu ihrem Schutze wurde schon bald mit dem Bau einer Burganlage begonnen. König Heinrich IV. (reg. 1056-1106) schenkte diese Ansiedlung im Jahre 1065 dem Bistum Naumburg, behielt sich aber das Lehnsrecht vor, das schließlich 1238 dauerhaft an die Markgrafen von Meißen überging. Diese begannen sofort damit, ihren Einfluss auf Kosten ihrer stiftnaumburgischen Lehnsleute zu erweitern. Es gelang ihnen, den Ost-West-Verkehr des Fernhandels, der die Elbe zuvor bei Strehla querte, über die Furt bei Merschwitz nach Oschatz zu ziehen. Die bischöflichen Besitzungen Dahlen und Strehla verloren dadurch zusehends an Bedeutung, während Oschatz zusehends aufblühte.
Im Handbuch „Lexikon Städte und Wappen der DDR“ von 1979 ist nachzulesen: „Von einer im Zusammenhang mit
der Stadtgründung erbauten … Burg sind keine Spuren mehr vorhanden.“
Wenn aber zumindest die einstige Existenz einer Burg überliefert ist, müssen auch deren Reste noch zu finden sein, selbst dann, wenn sie vielleicht zerstört und womöglich als Steinbruch zur Abtragung freigegeben wurde. Die meterdicken Fundamente und Kellergewölbe einer Burg blieben immer erhalten, wurden allerdings später oft verschüttet oder überbaut.
Für die Stadtgeschichte wäre es in der Tat von größter Bedeutung, zu ermitteln, wo diese bezeugte anfangs königliche, dann bischöfliche und schließlich markgräfliche Burg einst gestanden hat. Das Problem war schon mehrfach Gegenstand stadtgeschichtlicher Forschungen, zuletzt von Gerhard Heinz, dem langjährigen Leiter des Stadt- und Waagenmuseums, der sich 2006 der Auffassung älterer Autoren anschließt, die Burg müsse auf der Anhöhe östlich der Stadt, in unmittelbarer Nähe des heutigen Krankenhauses zu suchen sein. Auch er vermutete, dass „… es sich bei der einstigen Burg hier am Stadtpark um eine typische ministeriale Kleinburg in Höhenlage des 12./13. Jahrhunderts handeln“ dürfte, „… wenngleich ein archäologischer Nachweis der Burg fehlt.“ Allerdings fanden sich schon beim Bau des Krankenhauses 1895 keinerlei Spuren davon und auch die nachfolgende dichte Bebauung des Geländes im 20. Jahrhundert erbrachte nicht den geringsten Hinweis auf mittelalterliche Gebäudereste. Der heutige Name „Burgstraße“ beruht in unserer Stadt also doch nur auf einer lange gehegten Illusion. Wo aber könnte man unsere verschwundene Burg wohl mit mehr Aussicht auf Erfolg suchen?
Als Ausgangspunkt solcher Überlegungen stellt sich doch die Frage, wie man zur Erbauungszeit das vorgefundene Geländeprofil zur Verteidigung der Ansiedlung hätte nutzen können, an welchem Punkt der Bau einer Burg also strategisch sinnvoll gewesen wäre. Nehmen wir an, dass deren Baubeginn zeitlich der Stadtummauerung vorangegangen ist, dann kommt an sich nur ein eng begrenztes Gebiet in Betracht: der Gebäudering um den Kirchplatz mit der Stadtkirche St Aegidien, dem Rathaus und jahrhundertealten Bürgerhäusern. Diese prägnanten Bauwerke stehen auf einem noch heute deutlich erkennbaren Bergsporn, der im Westen sanft ins Hinterland übergeht. Ein solcher Bergsporn wäre am Steilabfall durch Gräben und Palisaden gut zu verteidigen gewesen, auf der flachen Seite dagegen verhältnismäßig leicht verwundbar. Vielfach wurde beim mittelalterlichen Burgenbau an solchen Stellen ein tiefer künstlicher Einschnitt, ein sogenannter Halsgraben, mit Zugbrücke angelegt (wie z.B. an der Burg Rochlitz) oder eine besonders massive Schildmauer errichtet (wie in Strehla). Wurde aber wenig später (wie in Oschatz) die ganze Stadt samt Burg ummauert, konnte man auf so arbeitsaufwendige und kostspielige Schutzbauten getrost verzichten.
Bereits im 12. Jahrhundert nahm Oschatz feste, noch heute deutlich erkennbare Konturen an. Die Ummauerung der Stadt muss bereits zu Beginn des 13. Jahrhunderts vollendet gewesen sein, denn 1228 erlangten die Franziskanermönche die Erlaubnis, innerhalb der Stadt „nahe der Mauer“ ein Kloster zu errichten. Der gewaltige Arbeitsaufwand beim Bau von Stadtmauer und Wachtürmen hatte viele Menschen in die Stadt gezogen. Die relative Sicherheit nach deren Fertigstellung machte die Stadt für Handwerker attraktiv und beschleunigte ihre wirtschaftliche Entwicklung: Für die Zeit um 1300 rechnet man Oschatz bereits zur Gruppe der damals bevölkerungsreichsten Städte der Mark Meißen mit immerhin jeweils 1000 bis 5000 Einwohnern, - gleichrangig mit Freiberg, Leipzig und Dresden!
Die dem Heiligen Aegidius als Schutzpatron der Kaufleute gewidmete Stadtkirche auf dem höchsten Punkt der Stadt wurde im Laufe der Jahrhunderte wiederholt durch Brände zerstört, aber jedes Mal unter großen Opfern größer und stattlicher wieder aufgebaut.
Dagegen erübrigte sich nach Fertigstellung der Stadtmauer der weitere Ausbau der begonnenen Burg und angesichts ihrer ursprünglich wohl doch eher bescheidenen baulichen Dimensionen verloren sich allmählich die Konturen der frühen Wehranlage. Die massiven Mauern des Wehrturms blieben erhalten, sein einst schlichtes, robustes Aussehen wich aber schon um 1180 einer anspruchsvolleren architektonischen Gestaltung. Der Amtssitz eines Stadtvogts, des markgräflichen Statthalters, war schließlich nicht nur ein nüchternes Verwaltungsgebäude, sondern hatte auch die weltliche Macht des Landesherrn angemessen zu repräsentieren. Der bereits erwähnte sensationelle Fund einer prachtvollen, sogenannten „Schlangensäule“ mit Würfelkapitell als Teil eines später zugemauerten spätromanischen Fensters, ist nach behutsamer Freilegung und Restaurierung wieder in der Fassade zu bewundern.
Das heute so freundliche Erscheinungsbild des Hauses mag Gedankenverbindungen zu einem einstigen Wehrturm sicher etwas befremdlich erscheinen lassen. Man darf jedoch nicht vergessen, dass das älteste Oschatzer Profangebäude wie die Stadt selbst manchen Schicksalsschlägen ausgeliefert war, von denen vor allem die häufigen Stadtbrände im Mittelalter das Ortsbild ständig veränderten. Das damals übliche Baumaterial für die bescheidene Wohnbebauung war jahrhundertelang Holz, erst später kam ausgemauertes hölzernes Fachwerk auf. Auch der Innenausbau eines Wehrturms, Treppen, Zwischendecken, Türen und Dachstuhl bestanden aus dem gleichen Material. Niemand weiß, wie oft Oschatz im Mittelalter nieder- brannte, aber es ist kaum anzunehmen, dass ein inmitten der brennenden Stadt stehender Turm davon verschont geblieben wäre. Viel wahrscheinlicher ist doch dieVorstellung, dass er im Laufe der Jahrhunderte nicht selten ihr Schicksal teilen musste und dann von ihm nur das massive Bruchsteinmauerwerk der Kellergewölbe und Umfassungsmauern stehen blieb. Eine Turmruine abzureißen wäre danach weit aufwendiger gewesen als lediglich den Brandschutt auszuräumen, den Innenausbau zu erneuern, erforderlichenfalls neue Fensteröffnungen durchzubrechen und die Fassadengestaltung den jeweiligen Erfordernissen der Zeit anzupassen.


(
Steht das Rathaus auf den Fundamenten der verschollenen Burg?
Vieles spricht dafür.


Das ursprünglich sicher schlichtere Erscheinungsbild des einstigen Wehrturms mag auf diese Weise schon beim Umbau zum repräsentativen Vogtshaus verloren gegangen sein, - und mit ihm die alte „Burg“, die schließlich nur noch in der Überlieferung bis in unsere Tage weiterlebt.
Die zunächst rein theoretische Überlegung. dass das Vogtshaus einst Teil der verschollenen Burg Oschatz gewesen sein könnte, ist inzwischen durch einen sensationellen baugeschichtlichen Befund aus berufenem Munde ganz konkret „untermauert“ worden, den wir ebenfalls Gert Jubisch verdanken. 1) Ihm waren bereits während seiner Amtszeit die außergewöhnlich massiven Grundmauern des Rathauses aufgefallen, die mit ihren drei bis vier Metern Stärke selbst für ein spätmittelalterliches Rathaus deutlich überdimensioniert erscheinen.
Bisher waren die Historiker davon ausgegangen, dass das Rathaus „anstelle eines ehemaligen Bürgerhauses seit 1478 … errichtet wurde“, der heutige Bau von 1537 von Bastian Krämer stammt und nach dem verheerenden Brand von 1842 nach Plänen von Gottfried Semper wieder aufgebaut wurde, wobei der Hauptgiebel und die oberen Geschosse des Turms neu entstanden. 2) Genaueres über die Baugeschichte jenes rätselhaften Vorgängerbaus werden wir wohl nie erfahren. Ein spätmittelalterliches „Bürgerhaus“ von derartigen Dimensionen ist allerdings nur schwer vorstellbar. Nach Jubisch wurde jedoch 1537 die benachbarte, nach der Reformation nicht mehr benötigte Herberge der Jacobsbrüderschaft und ein zweites Bürgerhaus in den Bau einbezogen, Damit lassen sich die beachtlichen Abmessungen des Rathauskomplexes schon eher erklären.
Noch immer völlig offen bleibt jedoch die Frage, warum ein mittelalterliches Bürgerhaus derart massive, bis zu vier Metern dicke Grundmauern brauchte und zudem auf einer so exponierten Hanglage errichtet wurde. Immerhin hätte eine wohlhabende Bürgerfamilie ihr Haus etwas unterhalb der Anhöhe für einen Bruchteil der Kosten errichten können. Dafür kann es nur eine überzeugende Erklärung geben: der Vorgängerbau des heutigen Rathauses wurde auf den bereits vorhandenen massiven Grundmauern der Burg Oschatz errichtet. Wie weit deren Bau im 13. Jahrhundert bereits gediehen war, lässt sich nur durch aufwendige Untersuchungen ermitteln. Vieles spricht dafür, dass die mittelalterliche Stadt nach Fertigstellung der Stadtmauer schon sicher genug war, um auf den weiteren Ausbau der Burganlage verzichten zu können. Die bereits vorhandenen Grundmauern wieder abzubrechen, wäre wesentlich kostspieliger geworden als sie für eine bürgerliche Bebauung freizugeben.


Das mittelalterliche Siegel der Burg Oschatz von 1266 zeigt den markgräflich-meißnischen Löwen mit der Umschrift
† SIGILLVM • BVRGENSIVM • IN • CIVITATE • OSZECZ (lat.) Siegel der Burg in der Stadt Oschatz
(Moderne Kopie als Souvenir, um 1980, vergrößert)


Für die Aufgaben der markgräflichen Verwaltung reichte das Vogtshaus allein schon völlig aus. In diesem, damals bereits weitgehend fertiggestellten Teil der Burg wurde vermutlich auch das überlieferte Siegel von 1266 zur amtlichen Beurkundung wichtiger Dokumente eingesetzt.
In die stürmische frühe Wachstumsphase unserer Stadt fällt auch die Prägezeit der altertümlichen, einseitig geprägten, dünnen Silberpfennige („Brakteaten“, von lat. bractea = Blech), der einzigen damals umlaufenden Münzsorte. Das Recht der Münzprägung gehörte im Mittelalter zu den sogenannten „Regalien“, den königlichen Privilegien, und stand daher allein dem Landesherrn, hier also dem vom Kaiser belehnten Markgrafen von Meißen zu. Die Münzstätte Oschatz war also keinesfalls eine städtische, sondern eine markgräflich-meißnische, was sich auch im damals typischen Münzbild des thronenden Markgrafen dokumentiert:


Meißnischer Pfennig („Brakteat“), geprägt um 1250 unter Markgraf Heinrich dem Erlauchten (reg. 1221-1288)
Silber; ca. 40 mm; ca. 1 g
Thronender Markgraf von vorn in Perlkreis, stark stilisiert, in den Händen Stern-Ringkugel-Zepter und Sonnenblume haltend,
mit breitem, schriftlosem Rand.
Pfennige dieser Art wurden auch in Oschatz geprägt. Foto: Schwinkowski 442*


Über die Münzprägung in Oschatz und den Standort der Münzstätte wissen wir fast nichts,  – Dem Numismatiker Carl-Friedrich von Posern-Klett verdanken wir den einzig erhalten gebliebenen urkundlichen Nachweis dafür. Dieser Urkunde ist zu entnehmen, dass sich ein gewisser Gothfridus, Gutsherr zu Smorkowe (Schmorkau bei Oschatz) im Jahre 1266 ein „Jahresgedächtnis“, also ein nach seinem Tode ihm zu Ehren alljährlich abzuhaltenden Gedenkgottesdienst in der Klosterkirche zum Heiligen Kreuz bei Meißen 3) stiftete, wofür er dem Kloster die Summe von „viginte unum solidum lega- lium denariorum monete in Oszetz“ 4) als jährliche finanzielle Zuwendung bestimmte.5) „In einer späteren Urkunde vom Jahre 1300 kommt unter den dortigen (Oschatzer) Rathsherren ein Heinr. monetarius vor“, wobei leider offen bleibt, ob dieser Heinrich „nur“ den Familiennamen Münzer trug oder tatsächlich Münzmeister – und dann möglicherweise in Oschatz – war.
Der genaue Standort der mittelalterliche Münzstätte Oschatz ist nicht durch Urkunden überliefert und kann daher nur durch archäologische Befunde ermittelt werden. Bei den Ausgrabungen im Wüsten Schloss Osterland im Jahre 1906 wurden mehrere Brakteaten aus der langen Regierungszeit Heinrichs des Erlauchten (1222-1288), ja sogar ein zeitgenössisches Portemonnaie in Form eine sehr gut erhaltene kupferne Brakteatenschale gefunden. Die zunächst naheliegende Vermutung, dass sich hier auch die Münzstätte befand, erscheint jedoch angesichts der Zeitverhältnisse unwahrscheinlich. Das „alde steynhus“, über dessen einstige Funktion noch immer gerätselt wird, blieb erwiesenermaßen unvollendet, besaß keinerlei Befestigungsanlagen und war fern der nächstgelegenen Ansiedlung nur durch seine außergewöhnlich solide Bauweise geschützt, Das Gebäude war also im Kriegsfall militärisch nicht zu halten. Es wäre daher müßig, darüber zu rätseln, unter welchen Umständen diese Belege aus der Brakteatenzeit dort, auf markgräflichem Grund und Boden, einst verborgen oder wohl eher verloren, vergessen und verschüttet wurden, - als Münzstätte war das Schloss Osterland jedenfalls denk- bar ungeeignet. Schon das Wissen um die Existenz einer Münzstätte weckte in diesen unsicheren Zeiten schnell die Begehrlichkeiten umherstreifender Kriegsvölker. Jedem war klar, dass dort als Beute erhebliche Mengen Silbers winkten. Und dieses Edelmetall war schon seit Jahrhunderten auch in der Mark Meißen alleiniger Wertmaßstab und einziges anerkanntes Zahlungsmittel, - ob nun geprägt als Pfennig oder ungeprägt in Barrenform. Es verstand sich von selbst, dass nicht nur die Silbertransporte stets durch einen schwerbewaffneten Begleitschutz vor Überfällen gesichert wurden, sondern auch die Münzstätten selbst auf den Verteidigungsfall vorbereitet sein mussten. Eine so außergewöhnlich wichtige landesherrliche Institution wurde daher stets nur dort eingerichtet, wo sie von vornherein vor Angriffen weitgehend sicher war und gegebenenfalls erfolgreich verteidigt werden konnte. Dies war natürlich innerhalb des Mauerringes einer größeren Stadt am besten möglich, vor allem dann, wenn sich hier auch noch eine Burg befand. In diesem Falle standen ausreichend Verteidiger zur Verfügung, die ihre Stadt – und mit ihr auch Burg und Münzstätte – wirkungsvoll schützen konnten.
Wenn auch offenbleiben muss, wie weit der Bau der Burg einst fortgeschritten war, so hätten deren noch heute vorhandenen Kellergewölbe für die Einrichtung einer mittelalterlichen Münzstätte völlig ausgereicht. Die dünnen Silberpfennige jener Zeit wurden von Hand geprägt und das dafür benötigte dünne Silberblech hätte mit Hilfe der Wasserkraft der Döllnitz direkt im Schutze der Stadtmauer gewalzt werden können.
Sind damit die Rätsel um die verschwundene Burg und die mittelalterliche Münzstätte Oschatz gelöst? Die von Gert Jubisch bereits 2014 beim zuständigen Landesamt für Denkmalpflege beantragte Begutachtung der Rathausfundamente steht noch aus. Wir dürfen auf das Ergebnis gespannt sein.


1) Jubisch, Gert: Steht das Rathaus auf Oschatzer Burg? (Interview mit Korrespondentin gl) in: „Oschatzer Allgemeine Zeitung“ vom 7.11.2014
2) nach Dehio, Georg: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler – Sachsen II, 1998
3) Das nach der Reformation aufgehobene Kloster wurde im Siebenjährigen Krieg von den Preußen niedergebrannt. Die Ruine im Klostergelände, unmittelbar an der Bundesstraße 6 gelegen, ist Besuchern zugänglich.
4) (lat.) „21 Schilling vollwertiger, in Oschatz geprägter Pfennige“. - Mit dem Begriff „Schilling“ war eine abstrakte Recheneinheit gemeint, eine Summe von 12 silbernen Pfennigen. Der Gutsherr stiftete also dem Kloster zum eigenen Ehrengedächtnis aus den Einkünften seiner Besitzungen alljährlich 252 Pfennige, - für die damalige Zeit ein beachtliches
Vermögen. (Posern-Klett, S. 175)
5) Urkunden zur Meißnischen Geschichte, Bd. I, damals Königl. Bibliothek in Dresden, vermutlich mit dem oben erwähnten
Burgsiegel.


Quellen:
Stadtentwicklung

Billig, Gerhard / Müller, Heinz: Burgen - Zeugen sächsischer Geschichte, Neustadt a. d. Aisch 1998
(Standardwerk. Die Burg Oschatz wird hier nicht erwähnt)
Blaschke, Karlheinz: Geschichte Sachsens im Mittelalter, Berlin 1990
Blaschke, Karlheinz / Kehrer, Gerhard / Machatschek, Heinz: Lexikon Städte und Wappen der DDR, Leipzig 1979
Dehio, Georg: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler – Sachsen II, 1998
Heinz, Gerhard: Die verschollene Oschatzer Burg und ihre Umgebung im Wandel der Zeiten Oschatz 2006
Jubisch, Gert: Steht das Rathaus auf Oschatzer Burg? (Interview mit Korrespondentin gl) in: „Oschatzer Allgemeine Zeitung“ vom 7.11.2014
Lüdemann, Heinz / Zühlke, Dietrich (Herausgeber): Um Oschatz und Riesa, aus der Reihe Werte unserer Heimat, Band 30, Berlin 1977
Schumann, August: Vollständiges Staats=Post= und Zeitungs=Lexikon von Sachsen, Bd. 8, Zwickau 1820


Numismatik

Posern-Klett, Carl-Friedrich v.: Sachsens Münzen im Mittelalter, Leipzig 1846 (Reprint Leipzig 1970)
Schwinkowski, Walter: Münz- und Geldgeschichte der Mark Meißen und Münzen der weltlichen Herren nach meißnischer Art (Brakteaten), I. (und einziger) Teil: Abbildungstafeln, Frankfurt am Main 1931 (Reprint) Leipzig 1976


Veröffentlicht (leicht gekürzt) in: Oschatzer Allgemeine Zeitung 2019
Das Vogtshaus und die verschollene Burg Oschatz (Teilung und Zwischentitel: Redaktion OAZ Leipzig)
(Einem Rätsel der Stadtgeschichte auf der Spur Teil 1), in: OAZ vom 11.3.2019 (Nr. 59/2019), S. 16
(Wo könnte die Burg gestanden haben? Teil 2) in: OAZ vom 18.3.2019 (Nr. 65/2019), S. 16
(Mit Stadtmauer war Burg nicht mehr nötig Teil 3) in: OAZ vom 25.3.2019 (Nr. 71/2019), S. 16
(Warum hat das Rathaus so massive Mauern? Teil 4) in: OAZ vom 1.4.2019 (Nr. 77/2019), S. 16
(Oschatz hatte eine mittelalterliche Münzstätte Teil 5)in: OAZ vom 8.4.2019, (Nr. 83/2019), S. 28


Stand: 30.05.2021 BURG OSCHATZ © Lienhard Buck, Riesa, 2021

 


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