Die Webergasse
"Zur ewigen Erinnerung an die Zeit der Tucher und Weber in
Oschatz nannte man eine namenlose Querstraße ... Webergasse" (G. Heinz, a.a.O.) Es gab früher eine Kleine und
Große Webergasse. Die Große Webergasse heißt heutzutage Breite Straße, die Kleine Webergasse trägt nun den Namen
Seminarstraße (nach dem 1871 gegründeten Lehrerseminar, in dem sich heute das Thomas-Mann-Gymnasium befindet).
Der hintere Teil der ehemaligen Kleinen Webergasse wurde zwischenzeitlich auch Fabrikstraße bezeichnet.
"Diese Bezeichnung bezog sich auf die ehemalige Seidlersche Tuchfabrik" (Heinz) Das Finanzamt richtet
sich darin später ein. Mit der einsetzenden Industrialisierung im 19. Jahrhundert verlor das ehedem für die
wirtschaftliche Entwicklung von Oschatz bedeutsame Tuchmachergewerbe (1) dieser Gassen-/Straßenname seinen Sinn.
Die Färbergasse – Verbindungsweg zwischen Seminarstraße und dem Brühl –
ist gewiss auch aus diesem gewerblichen Umfeld abzuleiten.
Andere Namen der Oschatzer Kernstadt, die auf Gewerbe und Handwerk
zurückzuführen sind:
Die Sporergasse
An erster Stelle muss hier die Sporergasse/-straße genannt werden.
Wie sie entstand, wie sie zu ihrem Namen kam, kann man im Rundblick 2/1980, 164ff nachlesen. Dort schreibt Siegfried
Heidler: "Die Handwerker eines Gewerbes siedelten sich meist in derselben
Straße oder Gasse an. So kamen die entsprechenden Straßen oder Gassen zu ihrem Namen, die sich oft bis in
unsere Zeit erhalten haben. Die Sporer sind aus dem Schmiedehandwerk hervorgegangen. Sie stellten Sporen, Beschläge
für Pferdegeschirre, Reit- und Zaumzeug her... Der Verfasser ist der
Auffassung, dass die Existenz einiger Sporer in der entstehenden Stadt aus drei Gründen möglich war. Einmal
durch die 1185 bis 1259 am Collm stattfindenden Landthinge (Gerichtsversammlungen) der Markgrafen, die von
vielen berittenen Vertretern des Adels besucht wurden. Zum anderen auch durch das ... Schloss Osterland
(i.d. 2. Hälfte des 12. Jhs erbaut)... Zum letzten dürfte der zunehmende Verkehr auf der Straße durch Oschatz
günstige Existenzbedingungen für die Sporer ermöglicht haben."
Die Entwicklung der Stadt veränderte auch die Sporergasse.
Der Hauptverkehr Leipzig - Dresden und umgekehrt erfolgte durch Oschatz und damit auch durch die
Sporergasse. (s. Abbildung) Die Gasse war bis ins 15. Jahrhundert
hinein nicht gepflastert. Pferde und Wagen blieben daher oft bei ungünstigem Wetter im Schlamm stecken.
Erst danach wurden die städtischen Hauptstraßen im allgemeinen befestigt, mit einfachen Knüppeldämmen
oder mit Feldsteinen. Dennoch verschwanden Abwässer, Kot und Schmutz noch nicht von den
mittelalterlichen Gassen. Krankheiten und Seuchen (insbes. die Pest) konnten sich so leicht
ausbreiten. Im Pestjahr 1637 gab es in Oschatz allein 2.000 Pesttote(1628 besaß Oschatz ca.
3.500 Einwohner und zählte damit zu den zehn größten Städten Sachsens (2) Bereits 1616
war es zu einem großen Stadtbrand in Oschatz gekommen. Alle Häuser der Sporergasse bis auf das Haus
Nr. 2 brannten nieder. Die in der Sporergasse wohnenden Kaufleute und Handwerker erlebten aber auch
gute Zeiten. Sie profitierten aus dem ständig zunehmenden Fernverkehr zwischen Dresden und Leipzig.
Sichtbares Zeichen sind die zahlreichen stattlichen Häuser, die z.T. noch heute in der Fußgängerzone
zu sehen sind.
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Mit gewerbetreibenden Einwohner von Oschatz haben ohne Zweifel auch noch
folgende Straßennamen zu tun: Bader- und Brauhausgasse, Brühl und An der Döllnitz.
"Die Badergasse" schreibt G. Heinz in der Serie zur Geschichte der Straßennamen (Rund um den Collm,
1991) " hat ihren Namen von der einstigen Niederbaderstube erhalten, die sich am unteren Ende dieser Gasse
befand. ... Arme Bürger badeten dort kostenlos aus den Zinsen besonderer Stiftungen ... Diese kostenlos
verabreichten Bäder hießen daher Seelenbäder. An der Obermühle (s. Mühlgraben)
gab es übrigens eine für reichere Leute, denn auch sie hatten das strenge städtische Gebot der Sauberkeit zu
befolgen. Bader waren nicht nur Inhaber von Badestuben, sie konnten sich auch noch als Barbier und Heilgehilfe
(Kranke zur Ader lassen oder Schröpfköpfe setzen) betätigen (3) Im mittelalterlichen Oschatz gab
es elf Brauhäuser und etliche Bürgerhäuser besaßen das Braurecht. Nach dem Stadtbrand von 1842 erhielt die jetzige
Brauhausgasse ihren Namen. Vorher hieß der gesamte Verbindungsweg zwischen Hospitalgasse/-straße und Brühl nur Brühl.
Als Flur- und Ortsname von 'feuchter, sumpfiger Wiese' – für das Gelände bis zur Döllnitz also verständlich. Nach G.
Heinz ist die erste Erwähnung dieses Quartiers im Innungsbrief der Schuhmacher von 1452 bezeugt. Seinerzeit
seien dort Schuhbänke und Verkaufsstände der Schuhmacher anzutreffen gewesen. Ein besonders reizvolles Ensemble
von Bürgerhäusern befindet sich zu beiden Seiten der leicht geschwungenen Gasse "An der Döllnitz", durch
die bis 1964 der Mühlgraben floss. Am Entengraben, wie er früher hieß, siedelten die Lohgerber und konnten ihre
Felle einweichen... Über den Türbögen vieler Häuser finden sich gekreuzte Schabemesser mit senkkrechten Falzeisen
in der Mitte (Rundblick 1/1982, 31) Neben der Bierbrauerei (s. Brauhausgasse war die Lohgerberei - und natürlich
die Tuchmacherei – eines der bedeutendsten und ältesten Erwerbszweige in Oschatz. Bereits auf die industrielle
Entwicklung des 19. Jahrhunderts, von der schließlich auch die Stadt an der Döllnitz erfasst worden ist, weisen
Straßennamen, wie Licht- Fabrik- und Industriestraße hin. Die Lichtstraße wurde Ende der 1890er im Bereich der
Theodor-Körner-Straße ausgebaut. Ihr Name hängt mit dem Bau des städtischen Elektrizitätswerkes zusammen. Zur
Fabrikstraße wurden schon an anderer Stelle Erläuterungen gegeben. Die Industriestraße – so schreibt G. Heinz
(a.a.O.) – tauche unter diesem Namen 1961 auf. Sie sei 1905 mit der Absicht angelegt worden, hier bis zur Döllnitz
Industrien anzusiedeln, was nach 1910 auch geschah, (z.B. eine Hartsteingutfabrik oder die Marthaussche Filzfabrik).
Auf einem neueren Oschatzer Stadtplan ist sie aber nicht mehr vorhanden.
(1) siehe Hinweis von Hiersemann,
Rundblick 2/1981,152:
Am Kirchplatz Nr. 1 befand sich das spätere Siegelhaus der Tuchmacher, das vorher
das Schultheißhaus (Rathaus) war
(2) aus Stadtplan Oschatz 2000 (3) der große Duden,
Etymologie 1963, 44f |