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Teil I, II, III, IV, V, VI, VII, VIII, IX, X, XI, XII, XIII, XIV, XV, XVI, XVII, XVIII
 
© Mit freundlicher Genehmigung von Dr. Martin Kupke dürfen Teile aus der im Jahre 2000 erschienenen Dokumentation „Die Wende in Oschatz“ hier wiedergegeben werden.
Das Bildmaterial stammt aus dem Archiv von Eckhard Thiem, Großböhla.
 


 

Der politische Wandlungsprozess in Oschatz begann mit den Friedensgebeten im Oktober 1989 im Altarraum der Aegidienkirche.

Auf Beschluss des Oschatzer Kirchenvorstandes wurden die Friedensgebete vom 3.-16. Oktober 89 gehalten. Im Hintergrund stand die Angst, die Regierung der DDR werde gewaltsam gegen die Oppositionsbewegungen im Lande vorgehen. Daher fanden sich einige Christen zusammen, um für den inneren Frieden zu beten. Das waren anfangs nur wenige Gemeindeglieder. Ihre Zahl lag zwischen zwanzig und fünfzig Teilnehmern. Doch die Situation in der DDR wurde immer brisanter, die Angst wurde größer. Die Menschen waren innerlich bewegt und kamen immer zahlreicher in die Kirchen, weil sie hier Hilfe, Orientierung und Zuspruch erwarteten.

Friedensgebet am 23. Oktober 89

Da es in der Aegidienkirche zu kalt geworden war, verlegten wir das Friedensgebet in die Klosterkirche. Ca. 80 Leute waren gekommen. Der Oschatzer Bezirkskatechet Mathias Kölbel war für den Programmablauf des Abends zuständig, Pfarrer Berthold Zehme für die Andacht und die Gebete, während ich versuchte, die Situation im Lande darzustellen. Ich sagte damals:
„Dieser Staat macht krank. Viele haben deshalb das Land bereits verlassen. Wir sind heute hier, um nach den Möglichkeiten des Gesundwerdens zu fragen und Gott um neue Wege zu bitten. Die Menschen fluten in diesen Tagen unter die Dächer der Kirchen, weil ihnen andere Dächer verweigert werden. So sind die Kirchen zum Forum für das Volk geworden. Ein Volk wacht auf. Bisher hat das Volk nicht laut gesprochen, es wurde daran gehindert. Jetzt erhebt es seine Stimme und geht auf die Straße. Unter dem Druck der Straße und unter dem Druck der anhaltenden Massenflucht ist es bereits zu ersten Veränderungen gekommen: Zur Umbildung der Parteispitze und zur Öffnung der Medien für die Stimme des Volkes. In der Zeitung sind jetzt erstaunliche Dinge zu lesen: ‚Allein, dass ich studiert habe, zeigt, dass ich ein Lügner bin. Wäre ich kein Lügner, hätte ich nicht studieren dürfen.‘Das war ein erstaunliches Bekenntnis. Gewusst haben wir es alle, aber nun konnte es in der Öffentlichkeit gesagt werden. Und das hat uns den Atem verschlagen. Da wird bereits über die Demonstrationen berichtet, über die brutalen Handlungen der Sicherheitskräfte und die Forderung, diese zur Rechenschaft zu ziehen. Für uns DDR-Bürger war das eigentlich unvorstellbar.“ Ich trug dann 10 Forderungen vor, von denen ich meinte, sie sind endlich dran, diskutiert und realisiert zu werden. Diese Forderungen habe ich dann in den nächsten Tagen zu einem 14-Punkte-Reformprogramm erweitert und beim nächsten Friedensgebet am 30. Oktober als Flugblatt ausgelegt. Der Text lautet:

Reformen
1. In allen Bereichen unseres Lebens muss es erlebbar werden, dass jeder Mensch eine Würde hat. Diese Würde darf nicht mehr mit Füßen getreten werden. Die verletzte Menschenwürde ist der eigentliche Grund für die Massenflucht.
2. Über die Grundfragen unseres Landes sollte es einen Volksentscheid geben. Welches die Grundfragen sind, müsste in einem breiten Dialog mit allen Schichten der Bevölkerung ermittelt werden.
3. Wir brauchen eine parlamentarische Demokratie. Dazu gehört ein Mehrparteiensystem. Es müssen sich bei uns neue Parteien bilden und profilieren können. Die SED hat in der Vergangenheit ihren Führungsanspruch nicht gerechtfertigt. Sie kann daher in Zukunft nur eine Partei unter anderen sein und muss sich der Wahl durch das Volk stellen. Egon Krenz hat gesagt: „Es geht uns nicht um uns.” Dies muss seine Partei nun beweisen.
4. Wir brauchen ein neues Wahlgesetz und freie Wahlen.
5. In unserem Lande muss es mit allen Schichten der Bevölkerung eine Sozialismusdiskussion geben. Es ist zu klären: Was ist Sozialismus?
6. Wir brauchen Wirtschaftsreformen. Die wirtschaftliche Lage in unserem Lande ist zum Erschrecken. Wir sind eine Mangelgesellschaft. Vorschläge für Wirtschaftsreformen müssen von den Wirtschaftsfachleuten kommen, nicht von den Parteifunktionären.
7. Die politischen Strafgesetze sind aufzuheben. Das angstmachende Erlebnis der Rechtsunsicherheit sitzt den Menschen in den Gliedern. Viele haben deshalb das Land verlassen.
8. Wir brauchen ein parlamentarisches Kontrollsystem für alle Machtinstrumente im Staat. Politische Strukturen sind aufzubauen, die jede Verselbständigung von Macht unmöglich machen.
9. Das Ministerium für Staatssicherheit ist aufzulösen. Es verhindert den inneren Frieden in unserem Lande. Desgleichen sollten die Kampfgruppen aufgelöst werden.
10. Wir brauchen Medienfreiheit und das Demonstrationsrecht.
11. Wir brauchen neue Reisegesetze.
12. Wir brauchen Reformen des gesamten Schul- und Hochschulwesens. Die Schule ist in der Vergangenheit weder ihrer bildenden noch ihrer erzieherischen Aufgabe gerecht geworden. Sie trägt zum großen Teil die Verantwortung für die Massenflucht der Jugend, da sie die Jugend unterdrückt und zur Zweigleisigkeit genötigt hat.
13. Wir brauchen die Aufarbeitung unserer Geschichte bis in die Gegenwart hinein. Die Fehler der Vergangenheit müssen deutlich werden, damit sie nicht wiederholt werden.
14. Wir erwarten die schnelle Einführung des zivilen Wehrersatzdienstes. Seit langem wird er von jungen Christen gefordert. Heute liegt seine Notwendigkeit besonders auf der Hand, da katastrophale Verhältnisse im diakonischen, medizinischen und pflegerischen Bereich bestehen.

Wir brauchen in unserem Lande tiefgreifende Reformen, für Retuschen ist es längst zu spät. Es muss sehr schnell zu totalen Veränderungen kommen, billiger können wir eine bessere Zukunft nicht haben.
Dr. Kupke Oschatz, am 30. Oktober 1989

Weitere Themen, die an diesem Abend diskutiert wurden, waren: Wahlbetrug und neue Wahlmodalitäten, Ziviler Ersatzdienst, Schulwesen, Pressefreiheit, Abschaffung der Kampfgruppen, Abbau der Feindbilder.

Am 27. Oktober waren die Pfarrer zum Gespräch mit dem Rat des Kreises geladen worden. Dabei sagte ich u.a.: „Unser Volk wacht auf. Wer hätte gedacht, welche Kräfte in diesem bisher schweigenden Volke stecken? Es gibt eine Eigendynamik der Wahrheit, irgendwann kämpft sie sich an‘s Licht. Die Menschen beginnen zu sagen, was sie schon immer gemeint haben. Sie kommen unter das Dach der Kirche, um zu reden, zu fragen und neue Orientierung zu suchen. Das sind die, die noch da sind. Die anderen haben das Land bereits verlassen. Die Massenflucht hält weiter an. Unter dem Druck dieser Massenflucht musste die Regierung nun handeln. Sie hätte es längst tun müssen. Es muss so ziemlich alles anders werden, wenn hier eine Gesellschaft aufgebaut werden soll, in der die Menschen gerne leben.“ Und dann habe ich die 14 Punkte meines Reformprogramms vorgelesen.

Friedensgebet am Montag, dem 30. Oktober 1989, 18 Uhr

Wir hatten wieder in die Klosterkirche eingeladen, aber wir mussten schnell den Ortwechseln, weil die Klosterkirche von den Menschenmassen gestürmt wurde. So gingen wir wieder in die kalte Aegidienkirche, was mit viel Improvisation verbunden war. Etwa 800 Leute kamen zusammen. Zunächst las ich einen Bericht des Sächsischen Landeskirchenamtes vor, in dem über Misshandlungen von Demonstranten in Dresden berichtet wurde. Dann haben wir diskutiert. Wer etwas sagen wollte, kam nach vorn. Eine Mikrofonanlage konnte wegen der Kürze der Zeit nicht installiert werden, so musste jeder laut reden. Folgende Themen wurden angesprochen: Das Gesundheitswesen, die Schule, die Wohnungspolitik, freie Wahlen, Medienfreiheit, Versorgungsprobleme, die Definition von Sozialismus, die Forderung nach Amnestie politisch Gefangener, das Demonstrationsrecht, ökologische Fragen (z.B. Umweltdaten für Oschatz), die niedrige Rente in der DDR. Im Anschluss an dieses Friedensgebet fand die erste Demonstration in Oschatz statt, die natürlich ungenehmigt war.


vor der STASI – kein Lichtschein dringt nach außen ...

Die LVZ berichtete über die Ereignisse zwei Tage danach mit einer „Randnotiz“ auf der Kreisseite Oschatz

 

Fortsetzung


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