Woher wurden die Straßennamen genommen?
Worauf griffen die Obrigkeit, die Behörden bei ihren Vorschlägen für
die Straßenverzeichnisse zurück? Neben den alten überlieferten, "gewordenen" Namen
(Flurnamen, aus Funktionen der Quartiere für Berufsgruppen, topgrafische Lage, u.s.w.) ist die bewusste
und administrative Benennung von Straßen nach Personen zu registrieren. Die Straßenbenennungen dienten nicht mehr
nur den Erinnerungsbedürfnissen der ortsansässigen Bevölkerung, sondern auch immer mehr dem steigenden
Repräsentationsinteresse des Staates und dessen Verwaltungsbedürfnissen. Das Namenskorpus der Straßen erfuhr
einen deutlichen Funktionswandel: neben der Orientierung zeigte sich vor allem im deutschen Kaiserreich nach 1871,
dass Straßennamen, ähnlich plastischen Denkmälern, "Repräsentanten einer
staatlichen Erinnerungspolitik sein könnten (1) Für die "moderne"
Namensgebung besann man sich vor allem der eigenen Landes-,
National- und Kulturgeschichte. Man ehrte Johann Wolfgang von Goethe, Friedrich Schiller, Martin Luther, Gotthold
Ephraim Lessing, Imanuel Kant, Ludwig van Beethoven (in Oschatz, Torgau, Dahlen und Schildau noch heute gegeben),
weil es einen nationalen Konsens über ihre große historische Bedeutung gab. Die wichtigsten Plätze der Ehrung nahmen
seit 1871 jedoch die politischen Führer des Reiches ein (z.B. Kaiser Wilhelm I., Bismarck, Moltke).Ende des 19.
Jahrhunderts setzte in vielen Städten, so auch in Oshatz, ein regelrechter Run auf ehemalige Bürgermeister und
Stadträte ein.
Seitdem gibt es in Oschatz Straßennamen, die nach verdienten
Bürgermeistern und Stadträten bzw. Ehrenbürgern benannt sind. Im einzelnen handelt es sich um Friedrich
Wilhelm Lehmann (1840-1892, langjähriger Stadtrat, Stadtkassiere und Ehrenbürger. Seit 1904 heißt eine Straße nach
ihm. Die Kutschestraße erhielt ihren Namen nach dem Ehrenbürger, dem Oschatzer Stadtrat und stellvertretenden
Bürgermeister (von 1892-1914) Carl Gottried Kutsche (1845-1925). Von Otto Hermann Möbuß (1859-1932), der 1920 Pate für
eine große Straße wurde, wissen wir, dass der Gerbereibesitzer von 1905 bis 1919 Stadtrat gewesen ist. Auch Friedrich
Hugo Lazer (1832- 1907) wurde als langjähriger Stadtrat der Ehre teilhaftig, noch zu Lebzeiten (1905) seinen
Familiennamen einem Straßennamen zu leihen. Das gleiche wurde auch Ernst Wilhelm Stübel (1806-1889) zuteil.
Stübel bekleidete zwischen 1853 und 1874 das Amt des Oschatzer Bürgermeisters. Den Tuchfabrikanten Carl Hermann
Gelbricht (1856-1921) findet man auch auf einem Straßenschild im Bereich der heutigen Heinrich-Heine-Straße.
Die Funktion eines Stadtrates von Oschatz hatte er zwischen 1902 und 1919 inne.
Gleich zweimal erscheint der Name Schmorl in Oschatz' Straßenlisten. Es gibt den Hans-Schmorl-Hof und eine
Schmorlstraße. Lediglich aus der Chronik des Bürgermeisters Härtwig (herausgegeben vom Oschatzer Heimatverein
im Jahre 2005) kann man über diesen Herrn ein paar Informationen erhalten. Schmorl war Notar und
Stadtverordnetenvorsteher (offenbar zur Amtszeit von Härtwig). Auf
seine Kollegen Härtwig und Schulze wird im Folgenden etwas ausführlicher eingegangen. Gleichfalls auf J.G.
Dippold.
Robert Härtwig (1856-1931), dem gleichfalls eine Straße in Oschatz
gewidmet wurde, amtierte 35 Jahre (zwischen 1879-1914) als Bürgermeister der Rosenstadt am Collm, wie es in
den "Oschatzer Gemeinnützigen" am 1.7.1914 zum Abschied Härtwigs geschrieben stand.
In seine lange Amtszeit fielen die Errichtung eines Elektrizitäts- und Wasserwerkes,
auch der Bau des Krankenhauses wurde von ihm vorangetrieben. "Großes Verdienst hat sich Herr Bürgermeister
Härtwig durch die Verkehrsförderung innerhalb der Stadt und mit ihrer Umgebung erworben. Es sei hier nur des
Straßendurchbruchs am Altmarkt durch die Herstellung der inneren Lutherstraße, an der Niedermühle mittels
Schmorlstraße, die Straßen- und Döllnitzregulierung zwischen Hospitalbrücke und Schützenhaus, der Herstellung der
(Theodor)-Körnerstraße zur näheren Verbindung des östlichen Stadtteils mit dem Bahnhof erinnert. Wie sehr durch
diese Verkehrserleichterung dem wirtschaftlichen Gedeihen der Stadt gedient hat, beweist ihr Aufschwung seit dieser
Zeit." (Oschatzer Gemeinnützige vom 1.7.1914).
Merkwürdiges erfuhren die
Bewohner der Parkstraße (Siedlungsgebiet zwischen Nossener Straße und Blumenberg, das in den 20ern des vorigen Jhs.,
entstanden ist). Im 3. Reich wurde sie in Schlageterstraße (nach einem "Märthyrer" der NS-Bewegung) getauft; nach 1945
einigten sich die Parteien des Oschatzer Stadtparlaments auf den Namen Bürgermeister-Schulze-Straße.
Damit wurde ein
verdienstvoller Bürger der alten Kreisstadt geehrt. Der Grimmaer Georg Schulze (1867-1943 war Stadtrat und bis zu
seiner Pensionierung 1932 besoldeter zweiter Bürgermeister von Oschatz. Er war auch aktiv im hiesigen Sportverein
und nahm regen Anteil an der Arbeit des Verschönerungsvereins. Wie wir von Heimatfreund G. Heinz ferner über die
Straße erfahren, habe Schutzes Name offenbar nicht mehr ins sozialistische Bild der Stadtoberen gepasst. Es folgte
eine Rückbenennung in Parkstraße.
Der Platz mit den Grundstücken um das
Reithaus (s. Reithausstraße wurde nach einer weiteren ehrenwerten Persönlichkeit benannt. Ratsherr Johann Gottlieb Dippold, Sohn eines Oschatzer Schneidermeisters, ließ während seiner Amtszeit (1719-1743) eine alte Schanze
(Rest der mittelalterlichen Stadtbefestigung) zu einem kleinen Hügel und den dazugehörenden Promenadenabschnitt
umwandeln und bepflanzen. Ihm ist auch eine kleine Stiftung zugunsten junger Landsleute zu verdanken.
Einige verdienstvolle Männer (warum nicht auch Frauen?), welche
in Oschatz noch heute auf Straßenschildern verewigt (?) sind, fehlen noch.
Da wäre zunächst Johann Georg Ferdinand Hellmich zu nennen. Er war nach dem 1. Weltkrieg Berufsschullehrer und
Kunstmaler in Oschatz. Eine Straße im Siedlungsgebiet an der Merkwitzer
Straße wurde nach dem Oschatzer Schneiderobermeister Arthur Haacke benannt. Er war in den 20er und Anfang der
30er Jahre des vorigen Jahrhunderts Vorsitzender der Schneiderinnung der Kreisstadt. Vorübergehend verschwand
diese Straße im 3. Reich aus dem Adressbuch, ehe die Haackestraße nach 1945 wieder auftauchte.
Der Begründer der Filzwaren-Industrie in Oschatz, Ambrosius Marthaus (Senior)
(1808-1875, findet gleichfalls einen Ehrenplatz auf einem Oschatzer Straßenschild. Er, ein gelernter Hutmacher,
eröffnete 1834 in der Hospitalstraße ein eigenes Geschäft. 1848/49 wird er als fabrikmäßiger Geschäftsbetrieb
bezeichnet. Hier begann er seine Idee von der Herstellung von Filzschuhen und Haarfilztafeln bzw. Satteldecken
zu realisieren. Die großen Anlagen seiner Filzfabrik, die seine Söhne bzw.
Enkel – auch sie trugen den Vornamen Ambrosius – mit großem Erfolg fortsetzten, befanden sich zuletzt auf einem
Grundstück in der Breitestraße. Immerhin beschäftigte diese Fabrik um 1906 352 Arbeiter. Wöchentlich wurden –
nach einem Artikel im "Blatt zum Heimatfest" im gleichen Jahr ca. 9.000 Paar Schuhe bzw. Stiefel
hergestellt. In demselben Blatt heißt es: " Der Kowboy in Argentinien reitet ebenso wie der Cubanische
Pflanzer und australische Schafhirt auf Satteldecken, die in Oschatz hergestellt sind, und der südafrikanische
Bur wie der russische Gutsherr und der amerikanische Pelzjäger tragen Marthaus'sche Filzstiefel."
In diesem Zusammenhang muss auch des Magisters Carl Gottlob Hering (1766-1853) gedacht
werden. Auch mit seinem Namen kann sich eine Oschatzer Straße schmücken. Von 1795-1811 war er Lehrer und später
Konrektor an der Stadtschule, zwischen 1802 und 1811 Organist an der St. Aegidienkirche. Mit seiner Frau Friderike
hatte er 13 Kinder, u.a. Constantin Hering (s. Lebensbild in Oschatzer Allgemeinen Zeitung 28.08.2007). Magister
Hering war weit über die Grenzen der Stadt bekannt. Unter anderem komponierte er so bekannte Kinderlieder,
wie "Hopp, hopp, hopp, Pferdchen, lauf' Galopp", Morgen Kinder, wird's was geben", den "
Kaffee-Kanon" und "Als der Großvater die Großmutter nahm".
Der einstige Mittelpunkt vor dem alten Oschatzer Stadtkern hieß bis
1895 der Altoschatzer Platz. Mit dem weiteren Ausbau in diesem Stadtbereich erhielt er noch vor der Wende zum 20.
Jahrhundert den Ehrennamen Miltitzplatz. Damit wurden die Verdienste und das Ansehen gewürdigt, dass der erste
Kommandeur des früheren Ulanenregiments Generalleutnant Centurius Wilhelm August Bernhard von Miltitz unter der
Bürgerschaft von Oschatz besaß. Gerhard Heinz schreibt in seinen mehrteiligen Beitrag "Zur Geschichte der
Straßennamen in Oschatz" in der Beilage der OAZ "Rund um den Collm" 1991 weiter über diesen
Offizier: "von Miltitz (1825-1880) war von 1867 bis 1876 Kommandeur des damals Königlich-Sächsischen
Ulanenregiments No. 17 (Noch heute gibt es einen Ulanenweg am Dresdner Berg). Noch während des 1. Weltkrieges
wurden auf dem linksseitigen Gelände in Richtung Lonnewitz weitere Kasernen gebaut, die Friedrich-August- und
Prinz-Albert-Kaserne für das genannte Ulanenregiment. (Im 3. Reich wurden sie der neugegründeten
Wehrkreis-Remonte-Schule zur Verfügung gestellt. Nach 1945 zog hier die Rote Armee ein.) Im übrigen hieß die
heutige Heinrich-Mann-Straße bis 1945 Miltitzstraße.
Im Wohngebiet Fliegerhorst begegnen uns Namen von Personen, die
nie in Oschatz waren, dennoch aber von den Oschatzer Stadtvätern für hier passend ausgesucht worden sind. Gemeint
sind der Flugpionier Otto Lilienthal (1896 abgestürzt), der Flugzeugkonstrukteur Hugo Junkers (1859-1935) sowie
Ferdinand Graf von Zeppelin (1838-1917), der Konstrukteur des nach ihm benannten Starrluftschiffes.
Erwähnt als Namensgeber für Oschatzer Straßen sollten hier auch
noch der Sozialpolitiker und Nationalökonom Adolf Damaschke (1865-1935) sowie Franz Xaver Gabelsberger
(1789- 1849, der Schöpfer der kursiven Kurzschrift, auch Stenografie bezeichnet.
Fast im gleichen Suchquadrat des Oschatzer Stadtplanes aus dem Jahre
2000 konnte ich noch folgende Straßenbezeichnungen entdecken, die von einheimischen Persönlichkeiten abzuleiten sind:
Es sind dies die Arthur-Moritz-Straße, der Gadegastweg sowie die Eichstädt-Promenade.
Sylvia Schön hat Leben und Werk des Oschatzer Malers Arthur Hermann
Moritz im 1. Heft der Zeitschrift "Der Rundblick" des Jahrganges 1990 ausführlich gewürdigt. Ich erlaube
mir, daraus einige Angaben zu entnehmen. Als Sohn eines Schlossermeisters 1893
in der ehemaligen Kreisstadt geboren, wollte Arthur Moritz nach dem Schulbesuch Lehrer werden. Ein beidseitiges
Ohrenleiden zwang ihn jedoch sehr bald, den Lehrerberuf (vorerst) aufzugeben. 1918 nahm er daher das Studium an
der Kunstakademie in Dresden auf. Um seinen Lebensunterhalt bestreiten zu können, bewarb er sich nach seiner
künstlerischen Ausbildung wieder im Schuldienst. Zwischen 1923 und 1942 arbeitete er als Vertretungslehrer in kleinen
Gemeinden des Vorerzgebirges (in der Nähe von Freiberg). Nach entbehrungsreichen Jahren in der unmittelbaren
Nachkriegszeit fand a. Moritz zu seinem bildkünstlerischen Schaffen zurück. 1959 ist er in Pesterwitz, wohin er
1956 in das Haus seiner Schwiegereltern gezogen war, verstorben. "Sein
umfangreiches Werk beweist, dass er seinen (dörflichen) Lebenskreis voll in seine Aquarelle und Ölbilder aufgenommen
hat. Das Tier spielt in der Darstellung eine entscheidende Rolle ... Dorf, Landschaft, Zoologischer Garten, Zirkus
und Motive des Alttages wurden in optischer Farbigkeit ... festgehalten." Nach 1945 waren seine Werke in vielen
Ausstellungen zu sehen, u.a. auch im Oschatzer Stadtmuseum.
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Arthur Hermann Moritz und zwei seiner Zeichnungen (Rundblick 1/1990)
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Zu Ehren eines anderen verdienten Oschatzer Bürgers benannte man
nach 1945 einen Weg, der in der Nähe seines alten Besitzes, des Talgutes, von der Riesaer Straße Richtung Mannschatz
führt. Gemeint ist der Ehrenbürger und Wohltäter seiner Heimatstadt, der Rittergutsbesitzer und Okonomierat Robert
Karl Gadegast (1828-1907), zwischen 1874 und 1891 Stadtrat von Oschatz
Der erste Oschatzer Ehrenbürger soll der Altphilologe
(Sprachwissenschaftler für Latein, Altgriechisch) Prof. Dr. Carl Abraham Eichstädt sein. Anlässlich seines 50.
Doktorjubiläums im Jahre 1940 haben die Oschatzer Stadtväter ihren berühmten Landsmann auf diese Weise geehrt.
Kaum 18jährig promovierte der gebürtige Oschatzer 1790 an der Universität zu Leipzig. Dort lehrte er danach als
Privatdozent, ehe er einem Ruf an die Jenaer Uni als Professor folgte. Hier gab er u.a. die Allgemeine Jenaer
Literaturzeitung heraus und führte jahrelang (zwischen 1803 bis 1817) einen intensiven Briefwechsel mit
J.W. Goethe. 1848 ist Eichstädt in Jena gestorben. Heute gibt es in Oschatz die Eichstädtpromenade
(vormals Naundorfer Straße), die an diesen prominenten Sohn der Heimat erinnern möchte.
Einem anderen Oschatzer Mitbürger soll an dieser Stelle
gedacht werden, dem es nur einige Jahrzehnte nach 1945 vergönnt war, Pate für eine Straße zu sein: August
Stephan (geboren 1855 in Breslau, gestorben 1929 in Oschatz). Heute trägt die August-Stephan-Straße wieder
ihren alten Namen: Wettinstraße (benannt nach dem Stammhaus der Markgrafen von Meißen, Kurfürsten und Könige
von Sachsen).Offenbar war dieser Mann den verantwortlichen
Vergabegremien – wie einst im Kaiserreich – zu "rot" (?) In Oschatz, wo er seit 1875 lebte,
gründete er 1889 den Ortsverein der SPD, dessen Vorsitzender der gelernte Zigarrenmacher wurde. Wegen seiner
politischen Einstellung verlor er seine Arbeitsstelle, deshalb machte er sich selbstständig und verkaufte seine
Zigarren im Hausierhandel. Flugblätter, Parteibroschüren und letztlich das SPD-Blatt "Der Sozialdemokrat"
konnte er über dieses Gewerbe mit vertreiben und für seine Partei agieren. In Oschatz war er als Roter und Sozi
bekannt und man versuchte, ihn bald aus Oschatz abzuschieben" (S. Heidler, Rundblick 1/19779,18). Die
Familie Stephan – August Stephan hatte 1883 geheiratet – hatte somit bei der Wohnungssuche ein Problem. Schließlich
verhalfen ihn seine Parteigenossen zum Ankauf eines Grundstückes in der Badergasse 19. Im Arbeitergesangsverein und
-radverein, die nach 1890 in Oschatz gegründet wurden, war Stephan maßgeblich beteiligt. Von Aktivitäten dieses
hier führenden SPD-Mitglieds in der Zeit zwischen 1914 und seinem Tode ist nichts bekannt.
(1) Sänger, a.a.O., 67
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